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Buchrezension

„Allein unter Flüchtlingen“ – Tuvia Tenenboms „Entdeckungsreise“ durch Deutschland

Sonntag, 16 April 2017 16:11 geschrieben von 
Tuvia Tenenbom: „Allein unter Flüchtlingen“ Tuvia Tenenbom: „Allein unter Flüchtlingen“ Quelle: Suhrkamp

Dresden – Spätestens seit seiner launigen US-Reisereportage „Allein unter Amerikanern“ ist der israelisch-amerikanische Buchautor und Theatergründer Tuvia Tenenbom auch Literaturfreunden in Deutschland ein Begriff. Vor kurzem erschien bei Suhrkamp Tenenboms viertes Buch „Allein unter Flüchtlingen“, eine „Entdeckungsreise“ durch Deutschland, die die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf Einheimische und Migranten beleuchtet.

Der Autor, der auch Gründer des „Jewish Theatre“ in New York ist, besuchte Asylbewerberunterkünfte, sprach mit den Bewohnern und Helfern, ging zu Befürwortern und Gegnern der bundesdeutschen Asylpolitik und unterhielt sich mit Politikern wie Volker Beck, Gregor Gysi oder Frauke Petry. Herausgekommen ist eine Bestandsaufnahme im typischen Tenenbom-Stil: oft humorvoll und satirisch, aber auch nachdenklich, direkt, ohne große Umschweife, auf den Punkt gebracht.

Leipziger Allerlei

In Leipzig hat Tenenbom die Eröffnungsfeier der Buchmesse besucht und der Festrede des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich gelauscht. Thema, wie sollte es anders sein, war natürlich die Flüchtlingskrise. Deutschland habe Humanität bewiesen und alles vortrefflich gemeistert, so der sächsische Regierungschef. Braver Applaus des Leipziger Kulturpublikums. Ironisch merkt Tenenbom an, dass er wohl „eine Versammlung der Rechtschaffenen“ gesehen habe, „die dafür kämpfen, die Flüchtlinge ins Land zu lassen, als Essenz der Demokratie“. Im Verlauf des Abends hat er unter anderem mit einer Bibliothekarin gesprochen, die ihm erzählt, dass es extrem wichtig für sie sei, dass Deutschland möglichst viele Migranten aus aller Welt aufnehme, und dass ihr Mann glücklicherweise derselben Meinung sei. Auf die Frage, was denn passieren würde, wenn er anderer Meinung wäre, antwortete sie: „Es würde mir schwerfallen, bei ihm zu bleiben.“ Tenenbom bemerkt süffisant: „Kein Brite, das schwöre ich, könnte das jemals verstehen.“

Stippvisiten in Schnellroda und Dresden

Eine weitere Stippvisite führte Tenenbom nach Schnellroda in Sachsen-Anhalt, wo er den Verleger Götz Kubitschek und dessen Frau Ellen Kositza getroffen hat. Kubitschek, Mitbegründer des rechten „Instituts für Staatspolitik“ und Inhaber des „Verlags Antaios“, ist schon vor einiger Zeit aus dem intellektuellen Elfenbeinturm hinabgestiegen, um sich bei Pegida und der Bewegung „Ein Prozent“ in die Niederungen der Wutbürger-Proteste zu begeben. Kositza, die dem Autor recht sympathisch zu sein scheint und die ihrerseits einen Narren an ihm gefressen hat, wie eine Video-Buchbesprechung von „Allein unter Amerikanern“ auf dem hauseigenen „Kanal Schnellroda“ bei YouTube bezeugt, schaut sich die Sache lieber von der publizistischen Warte aus an.

In Dresden führte Tenenbom Gespräche mit AfD-Bundeschefin Frauke Petry, die ihm ebenfalls nicht gänzlich unsympathisch zu sein scheint, und dem Pegida-Gründer Lutz Bachmann, über den er sich eher lustig macht. In Anspielung auf dessen kriminelle Vergangenheit schreibt er: „Auch der berühmte New Yorker Bürgerrechtler Al Sharpton stand zunächst mit dem Gesetz auf Kriegsfuß, zumindest wenn man bestimmten amerikanischen Medienberichten Glauben schenken darf, und heute ist er ein Heiliger.“ Die demonstrativen Bekenntnisse zur deutschen Kultur will er dem inzwischen angeblich auf Teneriffa lebenden Pegida-Vorturner nicht so recht abnehmen. Die Szenerie, die sich Tenenbom bei einer Demonstration der Gruppe in Dresden bietet, beschreibt er folgendermaßen: „Ich sehe einen Laster, einen alten Kleinlaster, mit Lutz und einem zweiten Mann. Sie laden Sachen aus dem Wagen aus und stellen sie eine nach der anderen auf den Boden. (…) Ich habe erwartet, Hunderte von Menschen zu sehen, die alle zusammenarbeiten, aber nein. Was ich sehe, ist ein Mann und ein Laster. Das ist Pegida, falls der Groschen noch nicht gefallen ist: Lutz und ein Laster.“

Bei Akif Pirinçci

Besonders interessant ist Tenenboms Begegnung mit dem türkischstämmigen Schriftsteller Akif Pirinçci, den er in Bonn besucht. Der frühere Katzenkrimi-Autor, der heute eher für seine zuwanderungs- und islamkritischen Schriften bekannt ist, gilt im Kulturbetrieb als Geächteter. Nach seinem Auftritt bei Pegida im Oktober 2015, wo er seine umstrittene, oft verfälschend zitierte „KZ-Rede“ hielt, kündigten ihm seine bisherigen Verlage, und Großhändler wie Amazon und Thalia schmissen ihn aus dem Programm – sogar seine „Felidae“-Romane. In einem Interview mit „Spiegel online“ bemerkte Tenenbom dazu: „Bei diesen liberalen Geistern heißt es: Meine Meinung zählt, deine nicht. In Deutschland ist das noch ausgeprägter, man kann das am Beispiel von Akif Pirinçci sehen. Von ihm kann man halten, was man will, aber er hat ein Recht auf seine Meinung. Die großen Medienhäuser mussten vor Gericht zugeben, dass sie ihn falsch zitiert haben. Boykottiert wird er immer noch. Random House hat den Vertrag mit ihm aufgelöst, selbst seine Katzenromane kann man nicht mehr kaufen.“

Tenenbom schildert anhand eines gemeinsamen Spaziergangs zu einem Restaurant, wie sich diese soziale Ächtung Pirinçcis äußert: „Wir gehen ein paar Schritte, alles sieht gut aus, bleibt es aber nicht. Ein junger Mann kommt an uns vorbei und fängt an, Akif wie einen Hund zu beschimpfen. Er macht, so sage ich mir, wahrscheinlich genau dasselbe, was die Mitschüler mit den Kindern von Frauke Petry veranstaltet haben. Akif ist traurig und verletzt. Doch der Mann hört nicht auf. Als er endlich abgezogen ist, setzen wir unseren Spaziergang fort. Es war sehr unangenehm, diese Szene zu beobachten. Ich glaube fest an die Redefreiheit des Einzelnen. Wenn einer dabei aber die persönliche Grenze überschreitet, dann nennt man das Stalking, und jede Gesellschaft, die sich selbst respektiert, sollte diese Form des Handelns verbieten.“

Es bleibt nicht bei dieser einen Pöbelei. Während sich Tenenbom und Pirinçci vor dem Restaurant eine Zigarette genehmigen, beginnt ein „gut angezogener älterer Herr“, wie der Autor schreibt, den Schriftsteller mit höhnischen Bemerkungen zu überziehen. Tenenbom ist peinlich berührt. Er schreibt: „Ich beobachte, was sich vor meinen Augen abspielt, und denke mir: Gib den Leuten die Gelegenheit, andere zu verletzen und zu demütigen, sage ihnen, Grausamkeit sei eine Tugend, und sie werden zu Tieren. Adolf Hitler hat dieses Rezept ja im letzten Jahrhundert mit Erfolg ausprobiert. Heute wenden es auch die selbsternannten Humanisten an, und es funktioniert noch immer.“

Mitleid und Verstand

Am Ende zieht Tenenbom aus der Begegnung das Resümee: „Akif ist der politisch unkorrekteste Mensch, der mir je begegnet ist. (…) Das Flüchtlingsproblem mit all seinem Für und Wider findet sich in dieser einen Person Akif verkörpert. Und in mehr als einem Sinne ist er ein Flüchtling, nicht aus Syrien, sondern aus der Türkei, und in mehr als einer Hinsicht ist er der Deutsche, der sich für sein Bild von einem besseren Deutschland abrackert. Akif ist ein Fremder, der sich in diesem Land nur allzu gut integriert hat, ein dunkelhäutiger Mann, der von der hellhäutigen Frau träumt. Und das wird man ihm nie verzeihen. Er ist der Unerwünschte.“

In seinen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Leuten erkennt Tenenbom immer wieder, dass die Last der nationalsozialistischen Vergangenheit einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Frage der Flüchtlingsaufnahme hat. Dies will er, der jüdische Amerikaner, aber nicht gelten lassen. Es gebe, so Tenenbom, schließlich Gesetze, die einzuhalten seien, zuallererst von der deutschen Regierung, aber auch von den Migranten. Wie Henryk M. Broder ist er bei seiner „Entdeckungsreise“ durch Deutschland schließlich zu der Erkenntnis gekommen: Wer kein Mitleid empfindet, hat kein Herz, wer aber nur Mitleid empfindet, hat keinen Verstand.


 

Literaturhinweis: Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen. 234 Seiten, Klappborschur, Suhrkamp: Berlin 2017, € 13,95.

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Valérie Cohène

Valérie Cohène wurde 1992 in Haifa (Israel) geboren und wuchs in Paris und Frankfurt am Main auf.

Sie studiert in Leipzig Ethnologie, Kulturwissenschaften und Philosophie. Ihre Leidenschaft gilt der Literatur. Insbesondere schätzt sie den Expressionismus und die Werke Kafkas, Werfels und Trakls. Daneben befasst sie sich mit Kunst, Musik, Kino und Theater. Seit Mai 2015 gehört Valérie Cohène zur Redaktion und ist für das Kulturressort zuständig.

Webseite: www.hessen-depesche.de/show/author/52-valérie-cohène.html
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