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Ursprung der Europäer vermutlich im Osten

Ur- und Frühgeschichte: Muss die Out-of-Africa-Theorie verworfen werden?

Freitag, 16 Oktober 2015 17:35 geschrieben von  Johann W. Petersen
Ur- und Frühgeschichte: Muss die Out-of-Africa-Theorie verworfen werden? Quelle: PIXABAY.COM

Wiesbaden – In Anlehnung an den autobiografischen Roman „Out of Africa“ der dänischen Schriftstellerin Tania Blixen (eigentlich Karen Blixen), der in Deutschland unter dem Titel „Jenseits von Afrika“ erschienen ist, wird in der prähistorischen Forschung die Annahme, dass die Menschheit ihren Ursprung in Afrika hatte, als Out- of-Africa-Theorie bezeichnet.

Demnach soll sich der erste anatomisch moderne Mensch von Afrika aus über die ganze Welt verbreitet haben. Er sei daher Vorfahr „von uns allen, die wir heute leben, nicht nur der Europäer, sondern aller Völker der Erde, von den Eskimos in Grönland bis zu den Pygmäen in Afrika und von den australischen Aborigines bis zu den Indianern Amerikas“, so der britische Paläoanthropologe Christopher Stringer. Als Belege für die Theorie dienen beispielsweise die Fossilien Omo 1 und Omo 2 sowie die Herto-Schädel aus Äthiopien, die zu den ältesten sicher datierten Nachweisen des Homo sapiens zählen.

Im Gegensatz zu den Vertretern der Annahme einer solchen afrikanischen Auswanderungswelle gehen die Vertreter des multiregionalen Ansatzes davon aus, dass sich der moderne Mensch in seiner ganzen Vielfalt regionalspezifisch aus den Nachkommen des über eine Million Jahre vor dem Homo sapiens aufgetretenen Homo erectus durch kontinuierlichen Gen-Austausch mit anderen Menschenarten entwickelt hat. Bereits 1940 schrieb der deutsche Anatom und Anthropologe Franz Weidenreich, der seit den zwanziger Jahren die fossilen Überreste des sogenannten Peking-Menschen aus der Gattung des Homo erectus erforscht hatte: „Die Evolution schritt überall dort voran, wo der Mensch lebte, und jede Region mag das Zentrum sowohl seiner generellen Entwicklung als auch der Ausprägung besonderer rassischer Merkmale gewesen sein.“

Multiregionale Theorie

Dabei ging Weidenreich, der nach der NS-Machtübernahme wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA emigrierte, nicht etwa, wie immer wieder unterstellt wird, von vollkommen getrennten Entwicklungen aus, sondern nahm an, dass es zwischen den Frühmenschen Afrikas, Asiens und Europas zu regelmäßigen Kontakten kam, die letztendlich auch zu einem Austausch der Gene führten. So sei die DNS der früheren Menschen im Lauf der Zeit im Erbgut des modernen Homo sapiens aufgegangen.

Später schienen genetische Untersuchungen fossiler Funde die Out-of-Africa-Theorie zu bestätigen und deuteten auf eine gemeinsame Wurzel hin, die nicht älter als etwa 200.000 Jahre zu sein scheint. Vielleicht sollte man aber besser sagen, dass sie Afrika-Theorie nicht falsifizierten, was eben nicht bedeutet, dass die Annahme eines gemeinsamen afrikanischen Ursprungs aller heutigen Menschen zwangsläufig richtig ist. Der Anthropologe Milford Wolpoff, Professor an der renommierten Universität von Michigan in Ann Arbor, hält die Tauglichkeit von Genom-Analysen in diesem Zusammenhang jedenfalls für fragwürdig, da man zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen komme, je nachdem, welche Abschnitte des Genoms man betrachte.

Wolpoff und seine Mitarbeiter untersuchten stattdessen anthropologische Merkmale von 13.000 bis 30.000 Jahre alten Schädeln, die an weit voneinander entfernten Orten, nämlich in Tschechien (Gegend um Mladeč) und in Australien (Willandra See-Nationalpark), gefunden wurden, und verglichen sie mit älteren Schädeln aus der pazifischen Region und Europa sowie mit jüngeren aus Afrika und dem nahöstlichen Raum. Sollte „Out of Africa“ zutreffen, so Wolpoffs Schlussfolgerung, müssten die Funde aus Mladeč und der Willandra-Seenregion größere Ähnlichkeiten mit den jüngeren Schädeln aus dem Nahen Osten und Afrika aufweisen als mit den älteren Funden aus Europa und dem Pazifikraum.

Wolpoffs Ergebnisse stützten allerdings die multiregionale Theorie, da sich die Schädel aus Australien von älteren aus der Region in durchschnittlich nur 3,7 Merkmalen unterschieden, von den jüngeren aus der Nahost-Region allerdings in 7,3 und von den jüngeren aus Afrika sogar in 9,3 Merkmalen, woraus er schloss, dass die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den jüngeren Menschenarten und ihren Vorfahren aus derselben Region enger sind als zu jenen, die im gleichen Zeitraum die Levante und Afrika besiedelten.

Ust'-Ishim-Mann

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse stützen nun die Hypothesen Weidenreichs, Wolpoffs und anderer Wissenschaftler, wonach der afrikanische, asiatische und europäische Typus des Homo sapiens sich auf allen drei Kontinenten weitgehend unabhängig voneinander entwickelt habe. Unter der Überschrift „Die Spur führt nach Osten“ berichtete die Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ kürzlich über die Untersuchung eines etwa 45.000 Jahre alten, in Ust'-Ishim (Westsibirien) entdeckten Oberschenkelknochens, der jetzt als das älteste Relikt des modernen Menschen außerhalb Afrikas und des Nahen Ostens gilt und dessen Erbgut, so Autor Thorwald Ewe, die Out-of-Africa-Theorie vollständig zum Einsturz bringen könnte.

Ewe schreibt: „In ungezählten Publikationen haben Wissenschaftler und Journalisten in den vergangenen 30 Jahren dicke Pfeile eines großen Exodus auf Landkarten gezogen: ‚Out of Africa‘. Anatomisch moderne Menschen seien im Zeitfenster vor 70.000 bis 50.000 Jahren aus Ostafrika ausgewandert. Die erste Welle erreichte via Indien und Hinterindien vor etwa 47.000 Jahren Australien und Neuguinea. Zu diesem Zeitpunkt entstand eine zweite Wanderungswelle aus der nahöstlichen Levante nach Norden in Richtung Europa über Anatolien, den Balkan, die Mittelmeerküste und das Donautal.“

Herausgefunden wurde dies ausgerechnet am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, dessen Direktor Svante Pääbo bislang zu den überzeugtesten Vertretern der Afrika-Theorie zählte. In „Bild der Wissenschaft“ heißt es zu dem Fund: „Der Querschnitt des Knochens zeigt: Es war ein früher anatomisch moderner Mensch, der vor 45.000 Jahren am Irtysch-Ufer den Tod fand. Also war er weder ein Neandertaler noch ein Denisovaner – archaische Formen des Homo sapiens, die zu jener Zeit ebenfalls durch Asien streiften. Der Vergleich seiner DNA mit dem Erbgut von 922 Menschen aus 53 Volksgruppen ergab: Sein Genom hat mehr Gemeinsamkeiten mit Nicht-Afrikanern als mit Menschen südlich der Sahara. Er ist einer der frühesten Eurasier außerhalb des Nahen Ostens.“

Da der Mann aus Ust'-Ishim zu einer Zeit lebte, als die eurasische Landmasse noch von Neandertalern besiedelt wurde, war es für die Forscher nicht weiter verwunderlich, dass auch deren DNS zu 2,3 Prozent in dem Oberschenkelknochen-Fund nachgewiesen werden konnte. Noch heute finden sich im Erbgut der Europäer bis zu 1,8 Prozent Neandertaler-DNS. „Wir schätzen, dass sich die Vorfahren des Ust'-Ishim Mannes und die Neandertaler vor etwa 50.000 bis 60.000 Jahren miteinander kreuzten", heißt es in einer Expertise der Leipziger Anthropologen. Auch dies hinterlässt deutliche Kratzer an der gängigen Theorie, da man bislang davon ausging, dass solche Vermischungen im Nahen Osten stattfanden, bevor der Homo sapiens nach Asien und Europa weiterwanderte. Der genetische Befund des Mannes aus Westsibirien legt nun allerdings nahe, dass dies erst geschah, nachdem der Homo sapiens bereits in Eurasien angekommen war.

Iranischer Ursprung?

Dass die Wiege des europäischen Menschen indes noch viel weiter östlich liegt, ist die Überzeugung belgischen Anthropologen Marcel Otte. Seiner Ansicht nach ist der Zagros, ein etwa 1.500 Kilometer langes Bergland im Westen des heutigen Iran, das wahrscheinlichste Zentrum der Europiden. Festmachen will er dies an Werkzeugen, Schmuck und anderen Utensilien, die am archäologischen Grabungsort Yafteh im mittleren Zagros gefunden wurden. „Archäologisch ist der Iran kaum erfasst, das Südufer des Kaspischen Meeres ist ein neuer Kandidat für den Ursprung der kulturellen Moderne. Ebenso der Nordwesten Pakistans, das östliche Hochland Afghanistans oder der Punjab im Grenzland zwischen Pakistan und Indien“, schreibt Thorwald Ewe dazu ergänzend in „Bild der Wissenschaft“.

Die Unbeirrtheit, mit der die Anhänger der Out-of-Africa-Theorie ihre Ansichten trotz neuer Gegenargumente, die nicht so leicht vom Tisch zu wischen sind, weiterhin vertreten, lässt vermuten, dass dabei auch ideologische Gründe eine Rolle spielen. Im Zuge allgemeiner „Gleichheits“-Postulate mögen wissenschaftliche Erkenntnisse, die tatsächliche Diversität schon bei den Frühformen der Gattung Mensch belegen, störend wirken. Dies kann aber kein Argument gegen wohlbegründete gegenteilige Meinungen sein, zumal Anderssein zu allen Zeiten nie eine unterschiedliche Wertigkeit beinhaltete.

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