hessen-depesche.de

Publiziert in Interview

Interview zur OB-Wahl in Darmstadt (VII)

Kerstin Lau (UFFBASSE): „Mehr Geld garantiert nicht eine bessere Kultur, ist aber eine Basis für mehr Experimentierfreude und kulturelle Vielfalt“

Freitag, 17 März 2017 21:25 geschrieben von 
Kerstin Lau, OB-Kandidatin von UFFBASSE in Darmstadt Kerstin Lau, OB-Kandidatin von UFFBASSE in Darmstadt Quelle: Kerstin Lau

Darmstadt – Kerstin Lau ist die einzige Frau in der Reihe der Darmstädter OB-Kandidaten. Sie geht für die 1993 aus der alternativen Szene heraus gegründete Wählervereinigung UFFBASSE ins Rennen, die bei der letzten Kommunalwahl 2016 stolze 7,7 Prozent geholt hat und seitdem mit fünf Mandataren in der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung vertreten ist. Lau ist nicht nur eine der Abgeordneten, sondern auch Fraktionsvorsitzende von UFFBASSE (die Abkürzung steht für „Unabhängige Fraktion Freier Bürger Aufrecht Spontan Subkulturell Eigenwillig“). Auf ihren Wahlplakaten präsentiert sich die sportliche Mittvierzigerin wie seinerzeit Uma Thurman in „Kill Bill“ im engen, gelben Dress. Damit führt sie die Tradition von UFFBASSE fort, mit ihren Wahlplakaten Bezug auf bekannte Kinofilme zu nehmen. HESSEN DEPESCHE hat die Diplom-Sozialpädagogin und Mitgründerin des SVD-Fanbündnisses „Tradition hat Zukunft“ zu ihren politischen Ambitionen befragt.

HESSEN DEPESCHE: Frau Lau, Sie treten als Kandidatin der Wählervereinigung UFFBASSE zur OB-Wahl in Darmstadt an. Welches sind die Hauptpunkte, mit denen Sie die Wählerinnen und Wähler auf Ihre Seite ziehen wollen?

Kerstin Lau: Wichtig ist mir bezahlbarer Wohnraum für untere und mittlere Einkommen durch den Erlass einer verbindlichen Satzung über die ganze Stadt und ein Vorkaufsrecht, welches sicherstellt, dass bei allen Bauprojekten 25 Prozent sozialer und 20 Prozent geförderter Wohnraum für mittlere Einkommen geschaffen werden muss. Ein Jahresticket für den RMV nach dem Wiener Modell, d.h. für 365 Euro im Jahr – der ÖPNV muss günstiger werden und die Taktung besser, wenn wir den Modal Split verändern wollen, d.h. wenn weniger Menschen mit dem Auto fahren sollen. Dass das Stadion am Böllenfalltor bleibt, weil ich diesen Standort liebe und auch glaube, dass die Alternativstandorte zu teuer sind. Online-Dienste für die BürgerInnen. Weniger Konzepte, mehr Umsetzung. Beschleunigung des Schulbau-Sanierungsprogramms. Sanierung der Radwege, keine Prestigeobjekte wie die Landesgartenschau und das Weltkulturerbe, Darmstadt hat 900 Millionen Euro Schulden, und wir müssen die bestehende Infrastruktur sanieren, ohne weitere Schulden anzuhäufen, das wird ein Spagat werden.

HESSEN DEPESCHE: UFFBASSE hat seine Wurzeln im alternativen Milieu und in der Punkszene. Anders als etwa früher die APPD ist Ihre Vereinigung allerdings keine „Spaßpartei“, sondern will Politik ernsthaft mitgestalten. Sie verstehen sich sogar – was fast schon ein wenig bieder klingt – als eine Art Kontrollorgan für die schwarz-grüne Rathausmehrheit. Hat sich das revolutionäre Profil von UFFBASSE mit den Jahren etwas abgeschliffen?

Kerstin Lau: UFFBASSE hat sich nie für eine „Revolution“ stark gemacht, sondern sich immer im demokratischen Rahmen vor Ort engagiert. „Uffbasse“, „uffmucke“ bedeutet, auf die fragwürdigen Seiten des Politikbetriebes und schlechte Entscheidungen hinzuweisen, um diese zu verbessern oder zu verhindern. Das hält man langfristig nur mit einer gehörigen Portion Spaß und Verstößen gegen „political correctness“ durch. Wir haben von Anfang an sehr ernsthaft Politik betrieben und die Verantwortung, die man uns durch das Mandat übertragen hat, gut genutzt.

HESSEN DEPESCHE: Hören Sie eigentlich privat auch Punk-Musik und gehen auf Konzerte?

Kerstin Lau: Ich gehe immer noch gerne auf Konzerte (nicht nur Punk-Konzerte), aber ich höre privat nur selten Punkmusik.

HESSEN DEPESCHE: Die Homepage von UFFBASSE ziert unter dem Slogan „Gegen jede Diktatur!“ eine Fahne mit drei Symbolen, die zerschlagen werden: ein Hakenkreuz, ein Euro-Zeichen und Hammer und Sichel. Lässt man mal das Euro-Zeichen beiseite, das vermutlich für den Kapitalismus stehen soll, bleibt symbolisch eine Nähe zur bürgerlichen Totalitarismus-Doktrin, die ja von der politischen Linken in der Regel abgelehnt wird, da sie eine Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus betreibe. Ist das eine Debatte, die bei UFBASSE geführt wurde oder immer noch wird?

Kerstin Lau: Wir machen unser eigenes Ding und haben uns noch nie an dem orientiert, was die politische Linke macht, deren Dogmatismus uns auch häufig anstrengt. Linke Diktaturen sind für die Menschen genauso schlimm wie rechte Diktaturen. Wir glauben an Freiheit, eigenverantwortliche Entscheidungen und Solidarität von Menschen.

HESSEN DEPESCHE: Dem geschulten Auge fällt auf Ihrer Homepage noch etwas auf: Man sieht nicht die bei linken politischen Gruppen sonst üblichen Binnen-Is oder Sternchen (z.B. „WählerInnen“, „Wähler*innen“), sondern Sie verwenden das generische Maskulinum. Ist das eine bewusste Entscheidung – etwa um sich von anderen Gruppen abzugrenzen – oder ist das nur der Bequemlichkeit geschuldet?

Kerstin Lau: Da muss ich den Homepage-Administratoren mal die Ohren lang ziehen. ;-)

HESSEN DEPESCHE: Kulturpolitik wird von den übrigen OB-Kandidaten eher unter der Rubrik „Ferner liefen“ abgehandelt. Für Sie scheint das allerdings ein wichtiges Thema zu sein, wobei sie Ihren Fokus naturgemäß weniger auf den kommerziellen Kulturbetrieb legen, sondern sich für alternative und subkulturelle Projekte einsetzen. Können Sie uns etwas über Ihre Vorstellungen in diesem Bereich sagen?

Kerstin Lau: Wert und Bedeutung von Kunst und Kultur unterliegen einem subjektiven Befinden, sie sind „Geschmacksache“. Unser Einsatz für alternative und subkulturelle Projekte kommt z.T. von unseren musikalischen Wurzeln, liegt aber auch daran, wie stark „klassische Kultur“ gefördert, d.h. bevorzugt wird. 30 Millionen Euro jedes Jahr für das Staatstheater (Stadt und Land), für den laufenden Betrieb nur der Mathildenhöhe – etwa so viel wie für die gesamte Freie Szene inkl. der Centralstation – zeigen die Gewichtung. Diese zeigt sich auch an den Mitteln für Sanierungen: ca. 3 Millionen Euro für Moller-Haus und Knabenschule vs. 18 Millionen Euro für die Mathildenhöhe vs. 70 Millionen Euro für das Staatstheater vor einigen Jahren. Mehr Geld garantiert nicht eine bessere Kultur, ist aber eine Basis und Ermunterung für mehr Experimentierfreude, mehr Kreativität, mehr kulturelle Vielfalt. Dafür setzen wir uns ein, ohne deshalb anderen die Unterstützung streichen zu wollen. Konkret möchte ich mehr Räumlichkeiten organisieren für Leute, die sich und ihre Ideen ausprobieren möchten. Was für sogenannte Start-Ups angeboten wird, sollte auch für Kulturschaffende funktionieren.

HESSEN DEPESCHE: Sie sind begeisterte Sportlerin, wenn wir richtig informiert sind, sogar Marathonläuferin, und ebenso begeisterter Fußballfan. Natürlich schlägt Ihr Herz für die „Lilien“. FDP-Kandidat Hentzen, der auf seine jahrelange Arbeit für die Industrie und seine daraus resultierende Projekt- und Planungskompetenz hinweist, fordert den Verzicht auf einen Rathausneubau und will das Geld lieber in den SV Darmstadt 98 stecken. Bei Ihnen dürften da die Alarmglocken schrillen. Stichwort: Kommerzialisierung des Fußballs. Wie wollen Sie den SV 98 voranbringen – und wie wollen die Fans dabei mitnehmen oder vielleicht sogar beteiligen?

Kerstin Lau: Ich mache gerne Sport, aber ich bin keine Marathonläuferin. Es ist auch nicht natürlich, dass mein Herz für die Lilien schlägt, meine Verbundenheit mit dem Verein hat sich in vielen Jahren entwickelt. Wenn man an Geld für den SVD denkt, geht es einzig um ein neues Stadion. Und das sehe ich als Aufgabe der Stadt, weil die Sanierung des Stadions schon seit Jahren ansteht und der SV Darmstadt 98 das nicht aus eigener Kraft leisten kann, gleichzeitig aber ein wichtiger Werbeträger für die Stadt ist. Der SVD 98 benötigt eine funktionale, modernisierte Sportstätte am Böllenfalltor, damit er im Fußballgeschäft eine Chance hat. Von einer Kommerzialisierung des Fußballs sind wir in Darmstadt Lichtjahre entfernt, und das ist auch nicht gewünscht. Ich bin Mitbegründerin und Sprecherin des Fanbündnisses des SVD, in diesem Fanbündnis sind fast alle Fangruppierungen vertreten – an uns geht bei keiner Planung ein Weg vorbei.

HESSEN DEPESCHE: Die Unterbringung und Integration von Migranten ist auch in Darmstadt ein wichtiges Thema. Sehen Sie hier in den vergangenen Monaten Versäumnisse – und falls ja, was möchten Sie als Oberbürgermeisterin besser machen?

Kerstin Lau: Mit der Einschränkung „in den vergangenen Monaten“ zum Stichwort Migranten meinen Sie sicher die nach Deutschland geflüchteten Menschen: Dazu sehe ich keine nennenswerten Versäumnisse hier in Darmstadt und auch keinen bestimmten Punkt mit Verbesserungsbedarf. In Darmstadt engagieren sich 1.000 Menschen ehrenamtlich in der Begleitung von Flüchtlingen. Ich würde das Engagement der Verwaltung und der Darmstädter verstärken wo es nötig ist, z.B. bei der beruflichen Integration der Flüchtlinge.

HESSEN DEPESCHE: Für viele Familien steht die Verfügbarkeit von Kita-Plätzen auf der Prioritätenliste ganz oben. Ist Darmstadt hier für die kommenden Jahre gut aufgestellt – oder gibt es aus Ihrer Sicht Verbesserungsbedarf?

Kerstin Lau: Die Situation im Bereich U3- und Ü3-Betreuung ist zufriedenstellend, verbessert werden muss die Betreuung der Schulkinder – Plätze nur für 50 Prozent der Schüler sind zu wenig. Außerdem müssen wir auch über die Qualität der Betreuung reden, nicht nur über die Quantität. Für eine gute Qualität fehlt es vielfach schon an dem Grundlegenden: den Räumen.

HESSEN DEPESCHE: Die Stadt Rodgau im Kreis Offenbach wirbt mit einem für die Eltern kostenlosen Kita-Besuch. Ist das ein Modell, das auch für Darmstadt wünschenswert und finanzierbar wäre?

Kerstin Lau: Grundsätzlich finde ich das ein erstrebenswertes Ziel, aber um kostenlosen Kita-Besuch für alle zu finanzieren, müssten die Mittel an anderer Stelle eingespart werden – und das ist zurzeit sehr schwierig. Der städtische Zuschuss liegt bei ca. 1.000 Euro pro Platz und Monat. Kostenfrei birgt das Risiko, dass die Qualität leidet, wenn die städtischen Mittel knapp werden. Momentan gibt es Freistellungen für weniger finanzkräftige Eltern, das finde ich akzeptabel.

HESSEN DEPESCHE: Bleibt abschließend noch die Frage, welches persönliche Wahlziel Sie sich für den 19. März gesteckt haben?

Kerstin Lau: Ich lass mich überraschen.

HESSEN DEPESCHE: Frau Lau, wir danken Ihnen für das Gespräch.


 

Zur Person: Kerstin Lau wurde am 25. August 1971 in Dieburg geboren und wuchs in Darmstadt auf, wo sie 1992 das Abitur machte. Sie lebt zusammen mit ihren beiden Söhnen, 13 und 16 Jahre alt, in Eberstadt. Politisch geprägt wurde sie von ihrem Großvater, dem DGB-Kreisvorsitzenden Alois Peressin. Früh von zu Hause ausgezogen, studierte sie zunächst Politik und Germanistik, dann Sozialpädagogik und schloss dieses Studium 1998 erfolgreich mit Diplom ab. Ihre erste Beschäftigung fand sie im Bereich der Jugendmedienarbeit beim Landkreis Darmstadt-Dieburg, bevor sie 2002 zur Deutschen Telekom in den Bereich Human Resources wechselte, wo sie zurzeit als stellvertretende Teamleiterin HR tätig ist und als Accountmanagerin die Ansprechperson für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Bereiches DT Technik ist. Sie verfügt außerdem über eine Zusatzausbildung als Mediatorin und Coach für strukturiertes Projektmanagement und wurde von der Telekom in das Entwicklungsprogramm für Führungskräfte aufgenommen. Kerstin Lau ist UFFBASSE-Gründungsmitglied und Mitbegründerin des Fanbündnisses „Tradition hat Zukunft“ des SV Darmstadt 98. Seit 2004 ist sie Stadtverordnete und seit 2012 Fraktionsvorsitzende von UFFBASSE.

Letzte Änderung am Freitag, 17 März 2017 21:45
Artikel bewerten
(12 Stimmen)
Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.hessen-depesche.de/show/author/60-michael-krug.html
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten

Team