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Interview mit der Vorsitzenden der FDP-Kreistagsfraktion im Schwalm-Eder-Kreis

Wiebke Knell (FDP): „Wir müssen uns bemühen, Nordhessen und den ländlichen Raum zu stärken“

Dienstag, 07 Februar 2017 23:55 geschrieben von 
Wiebke Knell (FDP) Wiebke Knell (FDP) Quelle: Wiebke Knell

Neukirchen – Die Politikwissenschaftlerin und PR-Expertin Wiebke Knell aus Neukirchen zählt zu den bekanntesten Politikerinnen und Politikern in Nordhessen. Im Kreistag des Schwalm-Eder-Kreises führt sie die FDP-Fraktion seit 2011, zudem war sie lange Zeit hohe Funktionärin der Jungen Liberalen und gehört aktuell auch dem Landesvorstand und dem Präsidium der FDP Hessen an. Ihre Heimatregion Nordhessen sieht die 35-jährige Liberale durch die Landespolitik vernachlässigt und setzt sich daher vor allem für den Ausbau der Infrastruktur ein. HESSEN DEPESCHE hat mit Wiebke Knell über die Probleme vor Ort, aber auch landes- und bundespolitische Fragen sowie über ihre eigenen politischen Ambitionen gesprochen.

HESSEN DEPESCHE: Frau Knell, die FDP im Schwalm-Eder-Kreis hat den Ausbau des schnellen Internets ganz nach oben auf ihre politische Agenda gesetzt. Ist Ihr Landkreis eine digitale Wüste?

Wiebke Knell: Zugang zu schnellem Internet ist für uns nicht nur eine wichtige Maßnahme zur Verbesserung der Lebensqualität unserer Bürgerinnen und Bürger, sondern eine Frage der Daseinsvorsorge und ein wichtiger Standortfaktor. Wir fordern schon seit vielen Jahren, den Breitbandausbau zügig auch im ländlichen Raum voranzutreiben. Meine Schwester, die in Ostafrika promoviert, hat keinerlei Probleme, mobil zu surfen und ist jederzeit überall erreichbar. Bei uns im Schwalm-Eder-Kreis sieht das vielerorts leider ganz anders aus. Realität ist, dass auch vom Breitbandausbau abhängt, ob kleine Orte hier bei uns zukunftsfähig sein oder im schlimmsten Fall auch überleben werden können. Was wir haben, sind keine digitalen Autobahnen, sondern bestenfalls schlechte Feldwege.

HESSEN DEPESCHE: Das Thema Breitband wird von der Ihrer Partei in ganz Hessen in den Vordergrund gestellt – ähnlich wie das Thema Windkraft, wo die FDP allerdings nicht für einen Ausbau, sondern eher für einen Rückbau plädiert. Heißt das: Auf der einen Seite für eine Zukunftstechnologie, auf der anderen Seite dagegen?

Wiebke Knell: Mit der Frage suggerieren Sie, dass Windkraft die Zukunftstechnologie ist. Wir finden jedoch, dass Energiepolitik nicht nur bezahlbar, sondern auch versorgungssicher und naturverträglich sein muss. Windenergie ist aber nicht geeignet, unsere Energieversorgung stabil zu gewährleisten, es fehlen Speicherkapazitäten und Leitungen, das Ganze ist ineffizient. Es macht auch keinen Sinn bei Windpausen Strom teuer aus dem Ausland hinzuzukaufen oder Kohlekraftwerke hochzufahren. Der ungebremste Ausbau von Windenergieanlagen führt außerdem zur „Verspargelung“ unserer Heimat und zerstört wertvolle Kulturlandschaften, es wird massiv in die Natur eingegriffen. Auch die Sorgen der Anwohner muss man ernst nehmen: Windräder beeinträchtigen deren Lebensqualität durch Schattenwurf, ständigen Geräuschpegel und Vibrationen. Ich kenne Ecken in Mittel- und Nordhessen, da sehen Sie nichts mehr außer Windkraftanlagen, die sich allerdings nur selten drehen. Ich glaube, es ist weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll, unsere Landschaft mit einer Technik zu zerstören, die derzeit keine dauerhafte und verlässliche Stromversorgung sicherstellt.

HESSEN DEPESCHE: Nochmal zurück zum schnellen Internet: Liegt der Ball hier nicht bei der Telekom? Im Landkreis Offenbach baut das Unternehmen jetzt die Netze aus – und alle Rathauschefs schreiben sich das als ihren Erfolg auf die Fahnen. Die FDP kann da mit ihren wenigen Bürgermeistern nicht mithalten.

Wiebke Knell: Die Telekom ist ein Konzern, der möglichst viel Geld verdienen will. Das geht im ländlichen Raum natürlich schlechter als in der Stadt. Die Ausbauwege sind weiter, es gibt weniger Menschen. Deswegen baut die Telekom nur dort aus, wo es sich für sie rentiert. Alle anderen gucken dumm in die Wäsche. Da ist dann auch mal der Staat gefragt, es geht schließlich um öffentliche Daseinsvorsorge. Wir haben zwar in Nordhessen die Breitband Nordhessen GmbH, aber auch mit diesem Projekt geht es schleppend voran. Ausbauziel ist auch lediglich eine Übertragungsrate von 30 Megabit und auch das nicht für alle Orte. Zukunftsfähig ist das nicht.

HESSEN DEPESCHE: Wo sehen Sie weiteren Nachbesserungsbedarf, um den Schwalm-Eder-Kreis fit für die Zukunft zu machen?

Wiebke Knell: Die Region ist liebens- und lebenswert, aber damit Menschen im ländlichen Raum bleiben und nicht in die Ballungszentren abwandern, muss die hessische Politik Nordhessen mehr Beachtung schenken. Neben dem schon erwähnten Ausbau des Breitbands braucht es zum Beispiel mehr Mittel für gute Bildungsangebote, für den Straßenausbau und für den öffentlichen Personennahverkehr.

HESSEN DEPESCHE: Ihr Parteichef Christian Lindner hat auf dem Dreikönigstreffen der Liberalen die Kanzlerin wegen ihrer Flüchtlingspolitik scharf kritisiert. Darauf musste er sich von CDU-General Peter Tauber vorhalten lassen, AfD-Positionen zu vertreten. Teilen Sie Lindners Kritik und seine Wortwahl?

Wiebke Knell: Peter Tauber hat sich mit seiner unsäglichen Aussage und dem Lindner-Gauland-Vergleich vor allem selbst disqualifiziert. Lindner AfD-Positionen vorzuwerfen ist lächerlich, er weist wie viele andere Freie Demokraten ständig darauf hin, dass sich die Politik und auch die Bürgerinnen und Bürger nicht von der AfD treiben lassen sollen, die ausschließlich die Ängste der Menschen schürt und aus der Flüchtlingskrise Profit machen will. Dennoch muss man sagen können, dass Merkels Flüchtlingspolitik gescheitert ist, da bin ich ganz klar auf Lindners Seite.

HESSEN DEPESCHE: Was muss denn Ihrer Ansicht nach in Sachen Asyl, Migration und Integration unternommen werden?

Wiebke Knell: Wir brauchen endlich ein Einwanderungsgesetz, das zwischen Flüchtlingen unterscheidet, die wieder gehen müssen, wenn in ihrer alten Heimat wieder Frieden herrscht, und Einwanderern, die sich für einen dauerhaften Aufenthalt bei uns bewerben. Wir brauchen Abkommen mit den Staaten in Nordafrika für die Rückführung ihrer illegal nach Deutschland eingereisten Staatsbürger. Und zum Thema Integration: Grundlage hierfür hier muss meiner Meinung nach sein, dass Flüchtlinge schneller die deutsche Sprache erlernen und die Grundwerte unserer Verfassung akzeptieren. Wer sich dem verweigert, sollte auch Konsequenzen zu spüren bekommen.

HESSEN DEPESCHE: Sie selbst haben im letzten Landtagswahlkampf den Heimat-Begriff sehr stark in den Vordergrund gestellt. Sollte sich die gesamte FDP Hessen daran ein Beispiel nehmen, um damit den Rechtspopulisten auf diesem Feld ein Alleinstellungsmerkmal abhandenkommt?

Wiebke Knell: Den Rechtspopulisten geht es doch im Grunde genommen gar nicht um unsere Heimat, sondern darum, mit den Ängsten der Menschen zu spielen und davon zu profitieren. Die AfD missbraucht für ihr Ansinnen den Heimat-Begriff. Ich habe in den vergangenen Wahlkämpfen versucht, meine Heimat, den Schwalm-Eder-Kreis und Nordhessen, in den Vordergrund zu stellen, weil mir die Region am Herzen liegt und weil ich der Meinung bin, dass der ländliche Raum von der Politik oft links liegen gelassen wird. Für viele scheint Hessen doch leider irgendwo in Mittelhessen zu enden – hier sollten wir uns bemühen, Nordhessen und den ländlichen Raum zu stärken.

HESSEN DEPESCHE: Die FDP befindet sich in Hessen und auch bundesweit wieder im Aufwind. Zumindest sprechen die letzten Umfragen dafür. Ist der Wiedereinzug in den Bundestag im September für Sie schon eine sichere Bank?

Wiebke Knell: Der Weg in den Bundestag scheint gelingen zu können, aber es ist noch ein Stück Arbeit bis zur Wahl. Als Freie Demokratin bin ich jedoch von Natur aus optimistisch und hoffe, dass die Menschen zum einen anerkennen, dass wir einen umfangreichen Neuaufstellungsprozess hinter uns haben und zum anderen auch merken, wie sehr die liberale Stimme als Korrektiv im Deutschen Bundestag fehlt.

HESSEN DEPESCHE: Bei einem Einzug in den Bundestag würde die derzeitige FDP-Landtagsabgeordnete Nicola Beer, die auf Platz eins der hessischen Landesliste gewählt werden soll, nach Berlin wechseln. Dann würde regulär Frank Blechschmidt in den Hessischen Landtag nachrücken. Macht er das – oder verzichtet er zugunsten Ihrer Person darauf?

Wiebke Knell: Eins nach dem anderen. Am 17./18. März stellen wir auf unserem Landesparteitag die Liste auf und wollen Nicola Beer als Spitzenkandidatin wählen. Dann müssen wir den Wiedereinzug in den Bundestag schaffen. Was nach der Bundestagswahl passiert, weiß ich nicht. Absprachen gibt es keine. Frank Blechschmidt ist auf Nachrückerplatz 1, ich auf Platz 2. So ist die Lage.

HESSEN DEPESCHE: Aber es sind ja Parteifreunde von Ihnen darüber besorgt, dass mit Frau Beer der FDP-Fraktion die einzige weibliche Parlamentarierin abhandenkommen könnte. Das spräche doch für einen Verzicht ihres Vormannes, oder nicht?

Wiebke Knell: Wie gesagt: es gibt keinerlei Absprachen. Fest steht, dass wir unabhängig von der Zusammensetzung der Fraktion aktuell sehr viele qualifizierte und engagierte Frauen in unserem Landesverband haben – und dies wird sich sicherlich auch ohne eine fixe Quote bei der Aufstellung der Listen für Bundes- und Landtag widerspiegeln.

HESSEN DEPESCHE: Abschließend eine persönliche Frage: Sie haben in einem Interview mal angegeben, dass sie während Ihres Studiums gekifft haben, Ihnen das aber nicht so viel Spaß gemacht hat. Warum setzen Sie sich dennoch so vehement für die Legalisierung von Cannabis ein?

Wiebke Knell: Die FDP hat den Bundesparteitagsbeschluss, Cannabis zu legalisieren, um die Menschen aus den Fängen der Dealer zu bekommen. Es ist eine von vielen Forderungen der FDP und vor allem der Jungen Liberalen, als deren Spitzenkandidatin ich die Cannabis-Legalisierung im Wahlkampf 2013 thematisiert habe. Es ist aber aktuell für mich kein vorherrschendes Thema.

HESSEN DEPESCHE: Frau Knell, wir danken Ihnen für das Gespräch.


 

Zur Person: Wiebke Knell (geb. Reich) wurde am 24.10.1981 in Schwalmstadt geboren. Nach dem Abitur an der Melanchthon-Schule Steinatal im Jahr 2001 studierte sie Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften und Mittlere und Neuere Geschichte in Gießen, Brest (Frankreich) und Mainz. Das Studium schloss sie 2008 als Politikwissenschaftlerin (M.A.) ab. Heute arbeitet sie als Pressesprecherin und Bereichsleiterin Kommunikation für einen Arbeitgeberverband des hessischen und rheinland-pfälzischen Handwerks. 1998 trat Wiebke Knell den Jungen Liberalen (JuLis) bei, seit 2000 ist sie Mitglied der FDP. Von 2000 bis 2004 war sie Kreisvorsitzende der Jungen Liberalen Schwalm-Eder, von 2001 bis 2006 gehörte sie dem Landesvorstand der JuLis Hessen an, zuletzt als stellvertretende Landesvorsitzende. Außerdem war sie von 2003 bis 2005 Abgeordnete der Liberalen Hochschulgruppe (LHG) im Studentenparlament der Justus-Liebig-Universität Gießen und von 2004 bis 2005 Vorsitzende der LHG Gießen. Seit 2005 gehört sie dem Landesvorstand der FDP Hessen an, seit 2015 auch dem Präsidium. Wiebke Knell kandidierte für die Liberalen mehrfach zur Landtagswahl, ist seit 2006 Mitglied des Stadtparlaments Neukirchen und des Kreistags des Schwalm-Eder-Kreises. Seit 2011 ist sie Vorsitzende der FDP-Kreistagsfraktion und stellvertretende Kreisvorsitzende der FDP Schwalm-Eder. Weitere Informationen auf ihrer Politiker-Seite bei Facebook: www.facebook.com/WiebkeFDP.

Letzte Änderung am Freitag, 10 Februar 2017 15:07
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Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.hessen-depesche.de/show/author/60-michael-krug.html
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