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Der Bombenanschlag von Dortmund

Das Bekennerschreiben: Der „Tagesspiegel“ zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Montag, 17 April 2017 11:10 geschrieben von 

Dortmund – Als Leser stutzt man inzwischen, wenn man auf sauber recherchierte Meldungen stößt, die mehr sind als der Versuch eitler Volkserzieher, das eigene Weltbild zur Nachricht zu machen. Schlimm genug, dass in immer mehr Redaktionen die Unsitte Einzug gehalten hat, Meinungen und Überzeugungen an die Stelle der Berichterstattung zu setzen. Noch weitaus beschämender ist allerdings, dass voneinander abgeschrieben wird, was das Zeug hält. Schnell verbreitet sich auf diese Weise selbst der größte Unsinn, weil sich im schnelllebigen Online-Geschäft kein Journalist mehr die Zeit nimmt, zu prüfen, was er da vom Kollegen abkupfert. Wie beim beliebten „Stille-Post“-Spiel wandert eine Meldung von Redaktion zu Redaktion. Und am Ende kommt nicht selten etwas Verrücktes dabei heraus.

Am Karfreitag brachte der Tagesspiegel eine „Nachricht“ in Umlauf, die in Windeseile die Runde machte. Zum Bombenattentat von Dortmund vermeldete man stolz, ein „Bekennerschreiben“ mit rechtsextremem Hintergrund sei bei der Redaktion eingegangen, in dem weitere Anschläge angekündigt würden. Das Schreiben „nehmen die Behörden jedenfalls ernst“, so der Tagesspiegel trotzig, wohl wissend, auf welch dünnem Eis er sich mit der zum Attentatsgeständnis aufgeblasenen Email eines rechten Spinners bewegte. Gierig stürzten sich Deutschlands Leitmedien auf die Neuigkeit, die sich mancherorts bis Samstagmittag zum Beweis für einen rechtsextremen Hintergrund der Tat gemausert hatte.

Als immer mehr Zweifel an den islamistischen Bekennerschreiben laut wurden, war das zuvor so verpönte T-Wort plötzlich gestattet

Nun ist es durchaus möglich, dass die Täter aus dem rechtsradikalen Milieu stammen. Ebenso könnten sie aber auch aus jedem anderen Umfeld kommen, vor allem aus der Islamistenszene. Noch tappen die rund 100 Ermittler völlig im Dunkeln. Das hindert die Medienmeute allerdings keineswegs daran, kräftig zu spekulieren. Vor allem in eine Richtung. Seit Dienstagabend läuft der Gesinnungsjournalismus auf Hochtouren. Den Anfang machte Claus Kleber im „heute-journal“, als er die gewaltige Sprengkraft der drei Bomben vehement kleinzureden versuchte. Empört äußerte er, „nichts, aber auch gar nichts“ deute auf einen Terroranschlag hin. Seine mit Feuereifer vorgetragene Bagatellisierung des Attentats, bei dem wie durch ein Wunder nur zwei Menschen verletzt wurden, erfolgte vor dem Hintergrund der sofort laut werdenden Befürchtungen, Deutschland sei einem weiteren islamistisches Gemetzel nur mit viel Glück entkommen.

Islamistischen Terror kann und darf es im Jahr der Bundestagswahl eben nicht mehr geben – da werden Medienschaffende erfinderisch. Als in den Tagen danach immer mehr Zweifel an den islamistischen Bekennerschreiben laut wurden, war das zuvor verpönte T-Wort plötzlich gestattet. Und auch über das verheerende Zerstörungspotential der Bomben wurde nun in aller Ausführlichkeit berichtet – voller Erleichterung darüber, dass sich wohl zumindest auf die Schnelle kein verrückter IS-Scherge finden werde, der für das Attentat verantwortlich zeichnet.

Wenn irgendein Rechtsextremer einer Zeitung eine wirre Email schreibt, ist das nur für die Redaktion des Tagesspiegels ein Bekennerschreiben

Der Tagesspiegel ruderte am Samstagnachmittag kleinlaut zurück. Das reißerische Aufbauschen einer dümmlichen Leserzuschrift war dann doch zu plump. Wenn irgendein Rechtsextremer einer Zeitung eine wirre Email schreibt, in der er sich unter Berufung auf einen Massenmörder aus dem 20. Jahrhundert über einen Anschlag freut, dann ist das eben nur für die Redaktion des Tagesspiegels ein Bekennerschreiben. Das BKA hatte den übereifrigen Nazi-Jägern jedenfalls mitgeteilt, dass man die Leserzuschrift für belanglos halte und auch die darin ausgesprochenen Drohungen nicht ernst nehme.

Der vom Tagesspiegel aufgeblasene und von vielen anderen Medien mit noch mehr Luft gefüllte Ballon ist damit jäh geplatzt. Vielleicht aber dürfen sich Deutschlands Redaktionen am Ende tatsächlich über einen rechtsextremen Täter freuen, hätten sie dann doch endlich ihr so lange herbei geschriebenes Nazi-Attentat. Man wird sehen, was die Ermittlungen ergeben, auch wenn es angesichts des für sich selbst sprechenden IS-Terrors schwer vorstellbar erscheint, dass jemand bereit wäre Menschenleben zu opfern, um einen islamistischen Anschlag zu fingieren. Man würde damit lediglich Linkspopulisten in die Karten spielen, die ein solches Ereignis genüsslich für die eigene Propaganda ausschlachten dürften. Eines ist aber schon heute klar: Sollte herauskommen, dass es Islamisten gewesen sind, bekommen Deutschlands Psychiater von Politik und Medien neue Patienten zugewiesen.


 

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Ramin Peymani

Ramin Peymani (Jahrgang 1968) lebt im Rhein-Main-Gebiet. Neben seinem ehrenamtlichen politischen Engagement für die FDP hält der Ex-Banker Fachvorträge zur Euro- und Staatsschuldenkrise und betätigt sich publizistisch. Er war Büroleiter des früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger.

Der sportbegeisterte Hobbyfußballer zählt Reisen und gutes Essen und zu seinen Leidenschaften. Für HESSEN DEPESCHE berichtet er vor allem zu Themen aus Frankfurt/Main, dem Taunus und Entwicklungen im Finanzmarkt.

Webseite: www.hessen-depesche.de/show/author/56-ramin-peymani.html
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