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Publiziert in Politik

Sind die Wähler geistig schon reif für "Jamaika"?

Angela Merkel braucht dringend ein neues Volk

Sonntag, 08 Oktober 2017 15:36 geschrieben von 
Angela Merkel braucht dringend ein neues Volk Bildquelle: PIXABAY.COM

Berlin - Je länger man diesen koalitären Eiertänzen der Parteien zuschaut, desto unwohler kann einem werden. Erinnern wir uns an den Wahlausgang – in diesem Falle die Zweitstimmen. Knapp 73% haben unsere Angela nicht gewählt, was sie zum Anlass genommen hat, sich zur Wahlsiegerin zu erklären. Mit dieser Haltung kann man unserer Kanzlerin eine schwerwiegende neurotische Wahrnehmungsverzerrung bescheinigen. Denn obwohl das Wahlvolk Angelas Politik nicht will, denkt sie nicht daran, zurückzutreten.

Dass die Schwesterpartei CSU bundesweit auf etwa 6 % kommt, darf man getrost als schmerzhaften Tiefschlag bezeichnen und trägt kaum zu einem tatsächlichen Machtgewinn bei, zöge man die beiden Werte zusammen. Mehr als 33% kommen da nicht zusammen. So gesehen müsste sich unsere Bundeskanzlerin konsequenterweise ein neues Wahlvolk suchen, bei dem sie sicher sein könnte, dass ihr, wie zu Zeiten der DDR auch 90% zujubeln.

Nun ja, 90% der Wähler wollen auch Lindner nicht. Genauso viele - nämlich ca. 90% mögen nicht, dass die Grünen etwas bestimmen sollten. Die Linken will auch keiner. Es gehört schon eine ziemliche Unverfrorenheit dazu, wenn sich die Parteiführer freudig und mit Siegerposen vors Publikum stellen und meinten, sie hätten das Recht, sich mit ihren Programmen aufzumanteln. Sie sollten sich viel mehr die Frage stellen: Wen oder was wollen die Wähler überhaupt? Ergebnis: Es gibt keine signifikanten Mehrheiten für die derzeit bestehenden Wahlprogramme, denn 30% von 100% ist eine Minorität. Ich befürchte, die Mehrheit würde gerne den ganzen politischen Laden zum Teufel jagen.

Der Bürger ahnt, welche arithmetischen Handstände jetzt unternommen werden, um Ministerpfründe, Versorgungsleistungen und Ämter zu verteidigen. Notfalls werden sämtliche Pseudo-Überzeugungen, die jede Partei wie Monstranzen, schon der Gesichtswahrung wegen vor sich hertragen, der Not gehorchend über Bord geworfen. In Neudeutsch heißen diese Arbeitsplatz-Verlustängste demokratische Kompromisse. Ein hübscher Name für die spätere Selbst-Legitimierung, das mir gleichzeitig das Alibi gibt, mit Recht an den Schalthebeln der Macht zu bleiben. Ich wills mal so sagen...: Das Volk heißt deshalb Volk, weil es so schön volkt...!

Betrachtet man die Wahlergebnisse einmal so, wie sie wirklich sind und was sie tatsächlich aussagen, dann haben die Bürger keiner einzigen Partei ein echtes Regierungs-Mandat übertragen. Ebenso wenig ist bei realistischer Betrachtung aus den vorliegenden Wahlergebnissen abzuleiten, dass die Wähler mit einer Koalition, gleich welcher Couleur, zufrieden sein werden oder sie gar gewollt hätten. Die Schnittmengen der Übereinstimmungen im Falle einer Jamaika- Koalition sind so gering, dass in der kommenden Legislaturperiode kaum mehr als Scheingefechte ausgetragen werden, und Veränderungen oder gar Verbesserungen sich endlos hinziehen oder gar im Sande verlaufen werden.

Tja, genau das hat sich der Wähler gewünscht, könnte man zynisch anmerken. Aber einem hart gesottenen Politiker geht das am breiten Gesäß vorbei. Seine Aufgabe besteht jetzt darin, dem wählenden Duckmäuser zu erklären, dass die blaue Farbe in Wirklichkeit rot ist oder besser ausgedrückt, ein Wahlergebnis von 32 % ausreicht, mich als Sieger auf den Regierungssessel zu setzen. Bedauerlicherweise, so hört man allenthalben, hat man eben 4 Jahre lang ein unzufriedenes Volk am Hals. Aber was tut man als Politiker nicht alles, um eigene Bezüge zu erhalten und Versorgungsansprüche zu erhöhen. Merkel bedient sich beinahe lehrbuchhaft des ersten Satzes in Macchiavellis Lehren. „Rühme fortwährend deinen Erfolg und erwähne deine Niederlage niemals oder nur am Rande.“

Merkel wird an ihrer Politik nichts ändern. Sie ist erfahrungs- und beratungsresistent, sie ist stur, obstinat, selbstgefällig und führt mit der Attitüde von Allmachtsphantasien. Ob nun Lindner, Schulz oder Göring-Eckardt, sie stören die Kreise der Kanzlerin nur marginal. Weshalb sollte sie sich auch über kleine Lichter aufregen, wenn man dem Bürger und den Parteigegnern nach der Wahl klipp und klar erklärt hat, dass ohne SIE keine Regierung gebildet werden kann. Diese Haltung beinhaltet zwangsläufig großes, erpresserisches Potential – ganz nach dem Motto: Wenn du nicht das tust, was ich will, bist du draußen. Man braucht nicht viel Fantasie, um nicht zu wissen, wie Koalitionsverhandlungen hinter den Kulissen laufen.

Ja, es ist wahr: Frau Merkel sollte sich tatsächlich ein neues Volk suchen, wenn sie nicht das tun will, was der erklärte Wunsch des Wählers ist. Im Umkehrschluss könnte man auch sagen: Nicht das Volk braucht Politiker, sondern Politiker brauchen das Volk. Doch anscheinend gibt es zu viele, die diese Formel nicht begreifen und solche Politiker, die an der Aufgabe scheitern, einfach wegen Unfähigkeit aufs Altenteil schicken. Ja, ja… Die Regierung machts dem Bürger nicht leicht, der Bürger der Regierung schon...

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Claudio Michele Mancini

Claudio Michele Mancini (Jahrgang 1945) ist ein deutsch-italienischer Schriftsteller.

Seit Oktober 2017 schreibt er auch für HESSEN DEPESCHE. In seinen Romanen im Mafia-Milieu greift Mancini reale Kriminalfälle auf, recherchiert Hintergründe vor Ort in Archiven, bei Carabinieri, Staatsanwälten, Richtern, Opfern und Betroffenen.

Bekannte Werke z.B.

  • Infamità. Ullstein, Berlin 2006, ISBN 3-550-08637-7.
  • Finsterland. Holder-Verlag, Winnenden 2003, ISBN 3-9809283-0-6.
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