hessen-depesche.de

Publiziert in Politik

Vortrag und Diskussion bei der BMW Stiftung Herbert Quandt in Berlin

Araber und Deutsche: Prof. Ayad Al-Ani sieht das Verhältnis durch „historische Bilder“ belastet

Samstag, 24 September 2016 19:09 geschrieben von 
Prof. Ayad Al-Ani bei seinem Vortrag in Berlin Prof. Ayad Al-Ani bei seinem Vortrag in Berlin Quelle: Michael Krug | SACHSEN DEPESCHE

Berlin – Der „Clash of Civilizations“, in Deutschland unzureichend mit „Kampf der Kulturen“ übersetzt, hat sich als Schlagwort spätestens seit 9/11 in der Debatte festgesetzt. Geht es um die Frage, inwieweit orientalische und islamische Vorstellungen mit dem gesellschaftlichen und politischen Modell des Westens kompatibel seien, dauert es nicht lange, bis jemand den wegen seines gleichnamigen Buches Samuel Huntington zugeschriebenen Begriff einwirft, in der Regel, um die Unvereinbarkeit zwischen einer als aufgeklärt-europäisch und einer als archaisch-muslimisch empfundenen Welt zu illustrieren.

Der am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft forschende und an den Universitäten Potsdam und Stellenbosch (Südafrika) lehrende irakischstämmige Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani wies bei einer Veranstaltung in Berlin kürzlich darauf hin, dass der Begriff ursprünglich gar nicht auf Huntington, sondern auf den britischen Historiker und Orientalisten Bernard Lewis zurückgeht, der ihn schon 1990, also sechs Jahre vor Erscheinen von Huntingtons vieldiskutiertem Werk, in seinem Buch „The Roots of Muslim Rage“ verwendete. Lewis sprach damals von einem Konflikt zwischen der arabischen und der westlichen Welt, der „no less than a clash of civilisations“, nicht weniger als einen Zusammenprall der Zivilisationen, bedeute. Dabei nahm er unter anderem Bezug auf die historische Phase der Araber in Europa.
 
Arabische Senatoren und Cäsaren
 
Genau diese Zeit ist auch Thema von Al-Anis 2014 bei Duncker & Humblot erschienener Studie „Araber als Teil der hellenistisch-römischen und christlichen Welt“, deren Thesen er in seinem Impulsreferat in Berlin zusammenfasste. Eingeladen hatte die Hauptstadtvertretung der BMW Stiftung Herbert Quandt, die mit Blick auf das Regierungsviertel in der Reinhardtstraße residiert. Als Mitveranstalter konnte die Stiftung des Münchner Automobilherstellers die Barenboim-Said Akademie, die Candid Foundation, die Deutsch-Arabische Gesellschaft und den Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot gewinnen. Dessen Verlagschef Dr. Florian Simon ließ es sich nicht nehmen, den Vortrag seines Autors und die anschließende Debatte persönlich zu verfolgen.
 
In seinem Buch beschreibt Organisationsforscher Al-Ani die Entstehung des westlichen Bildes über die Araber zu einer Zeit, als diese Teil der hellenistisch-römischen Welt waren, beginnend mit den Eroberungen Alexanders des Großen bis zum Sieg der Araber über die Truppen des byzantinischen Kaisers Herakleios im Jahr 636, der zugleich den Beginn einer islamischen Expansion im Mittelmeerraum markierte, die später bis nach Andalusien auf der Iberischen Halbinsel reichen sollte.
 
Al-Ani beschreibt die arabischen Einflüsse auf die hellenistisch-römische Welt und verdeutlicht zugleich, wie die Araber in der westlichen Darstellung oftmals als Außenseiter ihrer eigenen Geschichte dekonstruiert wurden. Bemerkenswert ist etwa die hohe Anzahl arabischer Senatoren oder arabischer und halbarabischer Cäsaren im damaligen Römischen Reich wie Elagabal, Alexander Severus, Caracalla und Philippus Arabs, deren Kultur sich auf die römische Lebensart, Religion und Politik auswirkte. Durch den späteren Verlust des christlichen Kernlandes im Zuge der arabischen Eroberung des römischen Ostens sei laut Al-Ani eine Art Trauma entstanden, dessen Bilder sich noch heute in der Debatte widerspiegelten.
 
Dies stand auch im Mittelpunkt der Veranstaltung „Araber in Europa – Historische Bilder und aktuelle Konflikte“ der BMW-Stiftung. Al-Ani sieht vor allem drei historisch geprägte Vorstellungen nachwirken: die „Angst vor der Grenze“, gemeint ist die Furcht der Europäer von Veränderungen, die von der Peripherie her ins Kernland vordringen können; die „Angst vor den Barbaren“, die sich für Al-Ani in der aktuellen Islam-Debatte zeigt; und damit eng verbunden ein kritischer Blick auf die „Andersartigkeit der Religion“.
 
Islamische Geschichtsschreibung
 
Viel Stoff für eine Diskussion, an der sich neben Al-Ani selbst die Ägypterin Bassant Helmi, die das Verbindungsbüro der Deutsch-Arabischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Berlin leitet, Daniel Gerlach, Chefredakteur der auf den Nahen Osten und die islamische Welt spezialisierten Vierteljahresschrift „Zenith“, sowie der bekannte Islamwissenschaftler und ehemalige Direktor des Orient Instituts Hamburg, Professor Udo Steinbach, beteiligen. Später konnte auch das Publikum Fragen stellen und sich an der Debatte beteiligen.
 
Sowohl Bassant Helmi als auch Al-Ani wiesen darauf hin, dass die heutige arabische Geschichtsschreibung im Wesentlichen eine islamische sei, die mit dem Wirken Mohammeds ab etwa 600 n. Chr. beginne und die vorislamische Zeit der heutigen MENA-Region ausblende. Hier sei erst in den letzten Jahren ein grundlegender Wandel vollzogen worden, was Helmi mit einem anschaulichen Beispiel illustrierte: Zu ihrer Schulzeit vor mehr als zwanzig Jahren sei das pharaonische Erbe Ägyptens in den Lehrbüchern noch ausführlich behandelt worden, heute werde der Fokus auf die islamische Geschichte gelegt. Professor Steinbach unterstrich diese Sicht: „Für einen Muslim fängt die Geschichte erst mit dem Propheten Mohammed an.“ Arabische Geschichte nehme innerhalb der Geschichte des Islam eine Sonderstellung ein, da das heilige Buch der Muslime, der Koran, in Arabisch verfasst wurde. Wegen ihres linearen Geschichtsbildes, das einen steten Fortschritt seit Mohammed impliziere, befänden sich die Muslime heute in einem Dilemma. „Der Islam befindet sich in einer Krise. Es gibt keinen Fortschritt mehr, es geht zurück“, so Steinbach.
 

V.l.n.r.: Daniel Gerlach (Zenith), Moderatorin Sabine Porn (BMW-Stiftung), Prof. Ayad Al-Ani, Bassant Helmi (AHK), Prof. Udo Steinbach
V.l.n.r.: Daniel Gerlach (Zenith), Moderatorin Sabine Porn (BMW-Stiftung), Prof. Ayad Al-Ani, Bassant Helmi (AHK), Prof. Udo Steinbach



Kritik an Al-Anis Thesen kam von Daniel Gerlach: Man könne dem gebürtigen Iraker leicht vorwerfen, eine neue arabische Identität kreieren zu wollen. Aus seinem Buch spreche gar „die Sehnsucht nach einer anderen Identität“. Ihn erinnere Al-Anis Argumentation an die panarabisch-nationalistische Historiographie des 19. und 20. Jahrhunderts, die „interessanterweise von vielen christlichen Historikern“ betrieben worden sei. Mit seiner Schrift führe er diese „apologetische Geschichtsschreibung“ fort – mit dem Ziel, die Araber in einem anderen, vom Islam unabhängigen kulturellen Kontext zu verorten. „Aber vielleicht gibt es ja gar keine einheitliche arabische Identität, sondern eine Vielfalt von Identitäten“, so der Chefredakteur und Mitherausgeber von „Zenith“. Al-Ani wies Gerlachs Vorwürfe freundlich, aber bestimmt zurück: „Ich bin kein Nationalist und ich habe auch keine religiöse Intelligenz.“ Und er betonte noch einmal, was er im Kern als das größte Problem betrachtet: „Wir sind Gefangene der alten historischen Bilder.“
 
Kerbers Einspruch
 
Dieser Ansicht schloss sich „Tagesspiegel“-Redakteur Rolf Brockschmidt an, der sich in der Publikumsrunde zu Wort meldete und beklagte: „Wir haben einen 19.-Jahrhundert-eurozentristischen Blick.“ Man müsse bei der Frage der Identität zwischen „arabisch“ und „islamisch“ trennen, denn schließlich hätten die Araber vor der islamischen Eroberung eine „eigene Identität und Geschichte“ gehabt. Und schließlich sei auch das Christentum in der Region zu Hause, wozu er als Beispiel die Kathedrale Saint Vincent de Paul in Tunis anführte. Einen historischen Rückblick unternahm auch Steinbach, der mit Verweis auf Goethe, Herder und Rückert darauf hinwies, dass im deutschen Raum einst ein anderes, wesentlich positiveres Bild von der arabisch-islamischen Welt vorherrschte. „Wir sind einander anders begegnet“, so der frühere Direktor des Hamburger Orient Instituts. Die Europäer seien mit ihrem Konzept der Modernisierung im islamischen Raum unglaubwürdig geworden. Dies habe Gegenbewegungen hervorgerufen. Hier sei in erster Linie die Revolution im Iran zu nennen. Vom „Islamischen Staat“, so zeigte sich Steinbach überzeugt, „wird in zwei Jahren keiner mehr sprechen“.
 
Eine kühne These, die Bassant Helmi dankbar aufgriff, um ein sehr optimistisches Bild von der Zukunft der MENA-Region zu zeichnen. Sie sehe „Ansätze für zivilgesellschaftliches Engagement“ in den Ländern, mittel- und langfristig gar eine Entwicklung zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Professor Markus C. Kerber, Finanzwissenschaftler an der TU Berlin, ist da offenbar wesentlich skeptischer. Der Jurist und Finanzwissenschaftler, der vor allem wegen seines Vorschlags bekannt ist, eine „Guldenmark“ als Parallelwährung neben dem Euro einzuführen, meldete sich aus dem Publikum zu Wort und erklärte, ihm falle es schwer, die „Sinnfälligkeit des Vortrags“ nachzuvollziehen.
 
Alle islamischen Länder, so Kerber, hätten doch eines gemein: „Sie können mit Demokratie und Rechtsstaat nichts anfangen.“ Es gebe keinen arabischen Staat, der halbwegs rechtsstaatlich funktioniere, bemängelte der Gründer des interdisziplinären Thinktanks Europolis, der statt der Frage, welche historischen Bilder das europäisch-arabische Verhältnis überschatten, lieber darüber diskutieren wollte, warum „die islamische Welt so weit von Rechtsstaatlichkeit entfernt“ sei – und wie man sie dazu „bewegen“ könne, „die Zivilisation“ anzunehmen. Außer in Tunesien seien nirgendwo Ansätze dafür erkennbar.
 
Schaffen wir das?
 
Al-Anis sah sich herausgefordert und versuchte Kerbers Einwand zu widerlegen; leider nicht sehr überzeugend: Achtzig Prozent aller Gerichtsurteile in der Region würden nach arabischen Gesetzbüchern gefällt, so der Sozialwissenschaftler – wobei dies für sich genommen natürlich noch kein Beleg für Rechtsstaatlichkeit und vor allem nicht für demokratische Strukturen sein kann. Außerdem gebe es ja auch in Deutschland Demokratie erst, „seit die Amerikaner einmarschiert sind“. Auch das ist natürlich eine zweifelhafte Aussage, die vollkommen außer Acht lässt, dass es mit der Weimarer Republik schon vorher einen demokratischen Staat auf deutschem Boden gab – und auch ein Parlament im Kaiserreich. Mit Blick auf 1848 und die Frankfurter Paulskirche kann Deutschland sogar auf eine noch wesentlich längere Tradition demokratischen und freiheitlichen Denkens zurückblicken. Im arabischen Raum sucht man danach vergeblich.
 
Mit Blick auf aktuelle Debatten in Deutschland zeigten sich die Diskussionsteilnehmer am Ende weitgehend darin einig, dass die Zuwanderung aus dem Nahen Osten und Nordafrika zwar mit Problemen verbunden sei, jedoch ein Ausgleich möglich sein könne, wenn sich beide Seiten, die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die Migranten, aufeinander zubewegten. Unweigerlich fühlte man sich an das Merkel-Mantra „Wir schaffen das“ erinnert. Auch bei der Veranstaltung in Berlin wurde leider das „Wie“ nicht näher erörtert, das man sich auch von der deutschen Kanzlerin gewünscht hätte. Die „deutsche Gesellschaft“ habe „die Stärke, sich darauf einzulassen“, so Al-Ani, ein Großteil der Araber, die nach Deutschland kämen, würden die „Chancen wahrnehmen“, die ihnen die „pluralistische Gesellschaft“ biete.
 
In einer vollkommenen Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses beklagte sich Bassant Helimi zum Schluss vor dem Hintergrund der Silvesternacht von Köln, dass eine „schwere Zeit für arabischstämmige Mitbürger“ angebrochen sei. Die Wahlerfolge der AfD findet sie „erschreckend.“ Sie denke deswegen „manchmal daran, Deutschland zu verlassen“. Diese einseitige und immer nur durch Rücksichtnahme auf die angeblichen oder tatsächlichen Befindlichkeiten von Migranten fokussierte Sicht, die auch innerhalb der politischen Klasse weit verbreitet ist, hat den Aufstieg einer Partei wie der AfD erst ermöglicht. Wer sich ernsthaft um den Zusammenhalt in diesem Land sorgt, darf eben nicht nur fragen, welche historisch überkommenen Bilder uns möglicherweise daran hindern, Zuwanderer zu akzeptieren, sondern muss auch die Frage nach der Bereitschaft der Zuwanderer zur Akzeptanz unserer kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Normen stellen.

Letzte Änderung am Samstag, 24 September 2016 19:22
Artikel bewerten
(8 Stimmen)
Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.hessen-depesche.de/show/author/60-michael-krug.html
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten

Team