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Publiziert in Politik

Zum 15. Jahrestag der Terroranschläge auf das WTC

Das Experiment: „Ground Zero“ – blinde Wut und blinde Liebe

Montag, 12 September 2016 17:57 geschrieben von 
Trümmer des World Trade Center in New York (Aufnahme vom 28.09.2001) Trümmer des World Trade Center in New York (Aufnahme vom 28.09.2001) Quelle: Andrea Booher (FEMA Photo Library) | Public domain | wikimedia.org

Kelkheim – Zum 15. Jahrestag der Terroranschläge auf die Gebäude des World Trade Centers habe ich ein Experiment durchgeführt. Das Ergebnis hat mich erschreckt, wenngleich ich auf einiges gefasst war. Gerade jene, die sich so gerne über mangelnde Meinungsfreiheit in Politik und Medien beklagen, versuchten mit üblen Attacken Kommentatoren einzuschüchtern, die anderer Ansicht waren. Es mangelte dabei nicht nur an der Toleranz für abweichende Sichtweisen, sondern vor allem am Respekt für Andersdenkende. Die aggressiven, beleidigenden und ehrverletzenden Tiraden überschritten jedes erträgliche Maß.

Was war geschehen? Was könnte Menschen dazu verleitet haben, ihnen Unbekannte öffentlich derart zu beschimpfen? Anlass war ein aktueller Artikel aus einer Fachzeitschrift der European Physical Society (EPS). In dem Magazin für die EPS-Mitgliedsverbände bezweifeln vier Wissenschaftler, dass die beiden Türme des WTC sowie ein Nebengebäude allein durch einschlagende Flugzeuge, heißes Kerosin und umherfliegende Trümmerteile eingestürzt seien. Die Autoren behaupten, nur eine kontrollierte Sprengung könne dies bewirkt haben. Ich merkte an, dass es für diese Theorie keine Beweise gebe, ein Fachblatt des Europa-Dachverbandes der Physik aber wohl kaum zum Kreis der Verschwörungstheoretiker gehöre und sich sehr wohl überlege, ob es eine derart brisante Einschätzung veröffentliche.

Innerhalb von Sekunden folgten wütende Angriffe. Ich hatte das Unaussprechliche getan: Ich hatte amerikanisches Regierungshandeln hinterfragt. Es ist unbestritten, dass Deutschland nach dem Ende des II. Weltkriegs durch die Hilfe der westlichen Siegermächte wieder auf die Beine kam. Dabei haben die Vereinigten Staaten einen wichtigen Beitrag geleistet – freilich nicht nur aus altruistischen Motiven. Für die meisten Deutschen ist es daher eine Selbstverständlichkeit, sich gegenüber dem Kommunismus abzugrenzen und den westlichen Alliierten die Treue zu schwören.

Auch ich lasse keine Gelegenheit aus, mich kritisch mit dem Sozialismus auseinanderzusetzen. Wer aber aus dieser klaren Positionierung gegen kommunistische Gesellschaftssysteme ableitet, dass man sich in völliger Ergebenheit Amerika anschließen müsse, setzt sich dem Verdacht der Einseitigkeit aus. In der Welt des 21. Jahrhunderts ist es unklug und ungerecht, das Gute immer nur westlich des Atlantiks zu verorten, während das Böse stets östlich von Polen wohnt. Wer auf amerikanische Lügen zur Rechtfertigung des Irak-Einmarsches hinweist, wer feststellt, dass sich das Land in seiner 240-jährigen Geschichte fast ununterbrochen in kriegerischen Auseinandersetzungen befunden hat, wer anprangert, dass sich Europa nicht nur in der Türkei-Frage amerikanischen Militärinteressen unterordnet, ist noch lange kein Putinist.

Einige Kommentatoren – dies hat das WTC-Experiment gezeigt – sind zu dieser Differenzierung nicht fähig. Die kritische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des 11. September 2001 wurde von einem besonders aggressiven Angreifer gar in die Nähe der Holocaust-Leugnung gerückt. Da ist jedes Maß verloren gegangen. Ein anderer, der sein Profil in einem der sozialen Netzwerke demonstrativ mit der Flagge der USA illustriert, sekundierte begeistert, wenn entrüstet festgestellt wurde, dass wohl ein Handlanger antiamerikanischer Agitatoren sein müsse, wer die offizielle Version der Terroranschläge anzweifle. Fraglich, ob sich jene Eiferer, die sich blind vor Liebe vor ihren amerikanischen Schutzpatron werfen, ebenso vehement zur Wehr setzen würden, ginge es um ähnlich gravierende Vorkommnisse auf russischem oder chinesischem Boden.

Es gibt Staaten wie Nordkorea, die aufgrund der Abschottung durch irre Despoten immer im Verdacht stehen, die Öffentlichkeit zu täuschen. Doch nicht erst die Snowden-Enthüllungen haben gezeigt, welche Ungeheuerlichkeiten sich im Verborgenen auch in Ländern abspielen, die wir für demokratisch und transparent halten. Blinde Wut und blinde Liebe sind keine klugen Wegbegleiter einer aufgeklärten Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, Regierungshandeln stets kritisch zu begleiten. Es ist gut, wachsam gegenüber Propaganda zu sein. Die Reflexe des „Kalten Krieges“ sind dabei jedoch wenig hilfreich.


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Letzte Änderung am Montag, 12 September 2016 19:01
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Ramin Peymani

Ramin Peymani (Jahrgang 1968) lebt im Rhein-Main-Gebiet. Neben seinem ehrenamtlichen politischen Engagement für die FDP hält der Ex-Banker Fachvorträge zur Euro- und Staatsschuldenkrise und betätigt sich publizistisch. Er war Büroleiter des früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger.

Der sportbegeisterte Hobbyfußballer zählt Reisen und gutes Essen und zu seinen Leidenschaften. Für HESSEN DEPESCHE berichtet er vor allem zu Themen aus Frankfurt/Main, dem Taunus und Entwicklungen im Finanzmarkt.

Webseite: www.hessen-depesche.de/show/author/56-ramin-peymani.html
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