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Buch-Rezension: „Von Stalin zu Putin“

Früherer Gorbatschow-Berater Wjatscheslaw Daschitschew beleuchtet deutsch-russische Beziehungen

Mittwoch, 20 Januar 2016 21:56 geschrieben von 
"Von Stalin zu Putin" "Von Stalin zu Putin" Quelle: Ares Verlag

Graz – Der frühere Gorbatschow-Berater Wjatscheslaw Daschitschew zählt zu den intimsten Kennern der sowjetischen Politik und der deutsch-russischen Beziehungen. Der 1925 in Moskau geborene Politologe und Historiker, dem einst eine führende Rolle bei der Entspannung im Ost-West-Konflikt zukam und der als Mitarchitekt der Perestroika-Politik einer der wichtigsten Wegbereiter der deutschen Einheit war, erkannte in seiner Analyse der nationalsozialistischen wie der auch der sowjetischen Außenpolitik eine Gesetzmäßigkeit aller hegemonialen Bestrebungen, die er als „reflektierende und überschüssige Rückwirkung“ bezeichnete. Darunter versteht er die Bildung von Gegenkoalitionen, durch welche die Intentionen hegemonialer Politik zunächst begrenzt und schließlich durch die Übermacht der anti-hegemonialen Koalition zum Scheitern verurteilt werden.

Bereits in seinem 2002 veröffentlichten Werk „Moskaus Griff nach der Weltmacht“ (E. S. Mittler Verlag), für das Michail Gorbatschow ein Vorwort und Ex-Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher einen Prolog beisteuerten, hatte der der frühere Leiter der außenpolitischen Abteilung am „Institut für die Wirtschaft des sozialistischen Weltsystems“ der sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau diese These anschaulich dargestellt.

In seinem vor gut einem Monat im Grazer Ares-Verlag erschienenen Buch „Von Stalin zu Putin“ (Untertitel: „Auf der Suche nach Alternativen zur Gewalt- und Herrschaftspolitik – Russland auf dem Prüfstand“) lässt der inzwischen 90-Jährige die einzelnen Stationen seines ereignisreichen Lebens Revue passieren und nimmt gleichzeitig Stellung zu dieser wie auch zu anderen bedeutsamen historischen und politischen Fragen Stellung. Vom Zweiten Weltkrieg, an dem er selbst als Erkundungsoffizier der Roten Armee teilnahm, über den Stalinismus und Kalten Krieg, den Mauerfall, die deutsche Wiedervereinigung und die Charta von Paris bis zur Machtpolitik im „amerikanischen Jahrhundert“ erstrecken sich die Betrachtungen Daschitschews, der auch diesmal aus seiner innigen Zuneigung zu Deutschland keinen Hehl macht.

Grundübel Hegemonialpolitik

Ganz besonders interessant an „Von Stalin zu Putin“ ist, dass man erstmals einen Einblick in damals hochaktuelle und brisante Lageanalysen für die sowjetische Regierung, die Daschitschew selbst verfasst hat, erhält. Darin formulierte er die Ideen der Perestroika und eines „gemeinsamen europäischen Hauses“ unter Einbeziehung Russlands. Zudem zeigt er auf, inwiefern die „negative Rückkopplung“ der sowjetischen Expansionspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg den Niedergang der UdSSR sowie den Aufstieg der USA zur führenden Weltmacht begünstigte.

Hierzu schreibt Daschitschew: „Einer der Hauptgründe für den Kalten Krieg war die von der Sowjetführung unter Stalin nach der Zerschlagung Deutschlands begonnene messianisch geprägte kommunistische Expansion und der Angriff auf geopolitische Positionen des Westens, die mit der Besetzung Ost- und Mitteleuropas zu einer groben Verletzung des globalen und europäischen Kräftegleichgewichts führten. Die Westmächte waren dadurch gezwungen, zu einer Politik der Eindämmung und danach zur Zurückdrängung der sowjetischen messianisch geprägten Expansion überzugehen. Seitens der Sowjetführung war dies eine zutiefst verwerfliche und zudem vollkommen überflüssige Politik, die dem Land die untragbare Last des Kampfes gegen die vereinigte Front des Westens unter Führung der USA aufbürdete.“ Diese Expansion „durch das gewaltsame Aufzwingen des Sozialismus nach sowjetischem Muster“ sei daher eine der Hauptgründe „für die Schwächung und den Niedergang der Sowjetunion“ gewesen.

Als „eines der größten Übel für das Europa des 20. Jahrhunderts“ erfolgte aus dieser Konfrontation der Sowjetunion und des westlichen Machtblocks, so Daschitschew, „die Spaltung der deutschen Nation, die auf Betreiben der Westmächte vollzogen wurde, obwohl die Sowjetunion dem auf der Potsdamer Konferenz widersprach und für die Erhaltung eines vereinten Deutschlands eintrat“. Die deutsche Teilung habe maßgeblich dazu beigetragen, die Fronten zwischen Ost und West zu verhärten. „Die USA waren daran interessiert, in Europa ‚sesshaft‘ zu werden, ihre besetzte Zone in Westdeutschland in Besitz zu nehmen und sie mit der Zeit in ein Protektorat umzuwandeln. Daraufhin erfolgten die Amerikanisierung Westeuropas und die Sowjetisierung Osteuropas. Die außereuropäische Weltmacht USA wurde nach dem Mai 1945 zum Faktor einer ständigen militärpolitischen Präsenz und der hegemonialen Einflussnahme in Europa, die den Interessen der europäischen Völker widersprach“, so der Autor.

Seiner These von der „reflektierenden und überschüssigen Rückwirkung“ folgend, sagt Daschitschew sagt aber auch der „einzig verbliebenen Weltmacht“ eine ähnliche Entwicklung wie dem Sowjetimperium voraus, sollten sie ihre Politik der Hegemonie nicht aufgeben. Er spricht von einer „imperialen Überdehnung“ und führt aus: „Am Horizont erscheint der herannahende Niedergang der amerikanischen Vorherrschaft in der Welt. Die USA sind bereits nicht mehr in der Lage, viele Aufgaben der Aufrechterhaltung und umso mehr der Festigung und Ausweitung des amerikanischen Imperiums im Alleingang zu lösen.“ Anders als Jelzin, widersetze sich Putin der „Einbindung“ Russlands in den amerikanischen Machtbereich, in diesem Zusammenhang müsse auch der Ukraine-Konflikt betrachtet werden. Für Deutschland wünscht sich Daschitschew einen Austritt aus der westlichen Allianz und eine stärkere Annäherung an Russland. In seinem Buch gibt er sich denn auch als glühender Verfechter einer Achse Paris – Berlin – Moskau zu erkennen.

Ökonomische Fragen

Breiten Raum nimmt in „Von Stalin zu Putin“ die Auseinandersetzung des Autors mit den innenpolitischen und ökonomischen Fehlentwicklungen in Russland unter Jelzin ein. Für ihn hat sich das Modell des „Russland aufgezwungenen wilden Kapitalismus“ als „verhängnisvoll“ erwiesen. Ohne falsche Zurückhaltung benennt er klar und deutlich die schweren Fehler des kommunistischen Wirtschaftssystems, so wie er auch unmissverständlich feststellt: „Das Sowjetsystem gehört endgültig der Vergangenheit an.“

Ebenso deutlich rechnet er aber auch mit dem „Kapitalismus“ westlicher Prägung ab, der seiner Ansicht nach Russland an den Rand des Abgrunds geführt habe. „Der Niedergang Russlands“, so Daschitschew, „ist eine natürliche Folge des im Land eingeführten und von der Zeit überholten kapitalistischen Systems.“ Dieses System habe maßgeblich „zum Anwachsen von Spannungen in der Gesellschaft sowie zu sozialen und ethnischen Konflikten“ beigetragen. Stattdessen zeichnet er in seinem neuen Buch die Konturen für ein ausdifferenziertes Mischmodell, einen „Dritten Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus, in dem die Staatspolitik Vorrang vor Wirtschaftsinteressen hat. „Kleine und mittlere Privatunternehmen in Verbindung mit staatlichen Unternehmen, Genossenschaften und Unternehmen in kollektivem Eigentum unmittelbarer Produzenten könnten die Grundlage der Volkswirtschaft einer konvergierenden Gesellschaft bilden“, so der Autor.

Daschitschew wirbt – als Lehre aus der für beide Völker verhängnisvollen deutsch-russischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts – für Völkerverständigung und eine Partnerschaft zwischen Deutschland und Russland wirbt. Damit befindet er sich zwar im krassen Widerspruch zu der auch von der Bundesregierung unterstützten EU-Sanktionspolitik gegen Moskau befindet, stimmt aber mit verschiedenen deutschen Wirtschaftsverbänden überein, die das Russland-Embargo als schwerwiegenden Fehler erkannt haben. Sein neues Buch, das sich durchaus auch kritisch mit Bereichen der innenpolitischen Entwicklung in Russland unter Putin auseinandersetzt, ist ein wichtiger Kontrapunkt zur vor allem unter westdeutschen politischen Eliten weit verbreiteten „Russophobie“.

 

Literaturhinweis:

Wjatscheslaw Daschitschew: Von Stalin zu Putin. Auf der Suche nach Alternativen zur Gewalt- und Herrschaftspolitik – Russland auf dem Prüfstand, 580 Seiten, geb., Ares: Graz 2015, € 69,90. Zu beziehen über: www.ares-verlag.com

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Enno-Martin Cramer

Enno-Martin Cramer wurde 1986 in Hamburg geboren.

Er studierte in Hamburg und Dresden Volkswirtschaftlehre, Philosophie und Politikwissenschaft.

Vor allem beobachtet und reflektiert er das Geschehen im Finanzmarkt und zu Unternehmensentwicklungen seit Oktober 2015 für unsere Redaktion.

Cramer beschäftigt sich aber auch intensiv mit der Landes- und Kommunalpolitik.

Webseite: www.hessen-depesche.de/show/author/49-enno-martin-cramer.html
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