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Jean-Claude Juncker, Ingo Friedrich, die CSU und das rechte Studienzentrum Weikersheim

Michael Scheibe (COOINX), Cengiz Ehliz (wee) und der Europäische Wirtschaftssenat e.V. (EWS)

Dienstag, 25 Dezember 2018 15:35 geschrieben von  Götz Schubert
Nebeneinander hängen die Urkunden der "Europäischen Wirtschaftssenatoren" Cengiz Ehliz und Michael Scheibe in der tatsächlichen wee Firmenzentrale im Münchner Norden Nebeneinander hängen die Urkunden der "Europäischen Wirtschaftssenatoren" Cengiz Ehliz und Michael Scheibe in der tatsächlichen wee Firmenzentrale im Münchner Norden Quelle: HESSEN DEPESCHE

München – Der Vertriebsprofi Michael Scheibe geizt nicht mit Superlativen, wenn es um sein in Luxemburg ansässiges Unternehmen COOINX S.A. und vor allem sich selbst geht. Im August dieses Jahres zog er 100 Tage nach dem Projektstart seines „unternehmerischen Babys“ eine erste Bilanz, die gewohnt positiv ausfiel, aber – ebenso gewohnt – kaum mit aktuellen betriebswirtschaftlichen Zahlen zu glänzen wusste. Im Rahmen der weeNexx AG planen Michael Scheibe und sein Geschäftspartner Cengiz Ehliz ein ICO, um nach eigenen Angaben das Cashback-System „wee“ mit moderner Blockchain-Technologie zu verzahnen. Mit anderen Worten: Es geht wohl um eine neue Kryptowährung, die auf „wee“ basieren soll. Wie genau das funktioniert und worauf interessierte Anleger bei diesem ICO setzen können, bleibt vorerst nebulös.

Umso dicker trägt die COOINX S.A. in ihrer Pressemitteilung vom 23.08.2018 auf. Über Scheibe heißt es dort: „Als Privatmann ist der dreifache Familienvater trotz aller Erfolge bescheiden geblieben, sieht man von seinem Hobby, dem Automobil-Rennsport ab. Dabei schwört er auf die bayerische Marke mit der obligatorischen Niere als Kühlergrill. ‚Was meine Lebensqualität angeht, bin ich sehr entspannt. Natürlich brauche ich keine zwei BMW i8, aber mein neu aufzubauendes Netzwerk, insbesondere in Osteuropa, identifiziert sich natürlich mit Premium-Marken‘, ist sich der Unternehmer bewusst.“

Außerdem heißt es in der Erklärung: „‚Und aktiver Rennsport macht nicht nur Spaß, vielmehr treffe ich hier an den Rennstrecken auch relevantes Klientel für unser Business. Und genau deswegen ist ein Luxusauto für jeden Vertriebspartner ein motivierendes Aushängeschild. Dem werden wir gerecht!‘, unterstreicht der einflussreiche Senator im Europäischen Wirtschaftssenat e.V., der vor 10 Jahren als erfolgreicher Unternehmer in der Immobilienbranche ausgestiegen ist, mit ca. 1 Milliarde nachweisbarem Umsatz.

Verein zur Förderung der „europäischen Idee“

Die genannte Zahl soll an dieser Stelle nicht näher hinterfragt werden, interessant ist vor allem die Angabe, dass Scheibe ein „einflussreicher Senator im Europäischen Wirtschaftssenat e.V.“ sei – eines Vereins, von dem man in der Presse wenig liest, obwohl ihm teilweise durchaus bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens angehören. Was genau die Aufgabe dieses Wirtschaftssenats ist und welche Funktion dessen Senatoren erfüllen, bleibt aber leider genauso nebulös wie das „wee“-ICO.

Der Europäische Wirtschaftssenat (EWS) mit Sitz in der Nymphenburgerstr. 118 in München – also in unmittelbarer Nähe zur früheren Parteizentrale der CSU! - bezeichnet sich selbst als „überparteiliches und branchenübergreifendes europäisches Gremium erfolgreicher europäischer Unternehmen und Persönlichkeiten, die ihr Wissen und ihre Erfahrung politischen Entscheidungsträgern beratend zur Verfügung stellen.

Außerdem nehme man Stellung zu aktuellen Themen, erarbeite Lösungen und Vorschläge und stelle sich den Herausforderungen, die auf Politik und Wirtschaft zukämenAls fairer und respektvoller Partner der Politik ist es das Ziel des EWS, die Zukunft Europas mitzugestalten“, heißt es in einer Eigendarstellung des Europäischen Wirtschaftssenats.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, führt der EWS regelmäßig sogenannte Wirtschaftsgespräche durch, die wohl auch zur Kontaktpflege und dem Aufbau von Geschäftskontakten dienen sollen. Für 2019 sind solche Veranstaltungen nach derzeitigem Stand in Hamburg, China, Chișinău (Moldawien), Going (Österreich) und auf Schloss Herrencheimsee geplant. Kooperationspartner der Vereinigung sind unter anderem der Bund der Steuerzahler (BdSt), die Taxpayers Association of Europe (TAE) und das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

Kontakte bis nach Rechtsaußen

Zu den Partnerverbänden gehört aber auch das ehemals CDU-nahe, nach Ansicht von Kritikern aber inzwischen weit rechtsaußen angesiedelte Studienzentrum Weikersheim (SZW)deren Vorstand unter anderem der Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider, der Sozialwissenschaftler und regelmäßige Autor der „Jungen Freiheit“ Volker Kempf und Brigadegeneral a.D. Dieter Farwick angehören. Präsident des SZW war bis zu seinem Tod am 2. Dezember 2018 der Soziologieprofessor Jost Bauch, der seine Fühler noch weiter nach rechts ausstreckte und unter anderem in der Zeitschrift „Sezession“ des Instituts für Staatspolitik (IfSpublizierte, das eng mit dem Verlag Antaios von Götz Kubitschek verwoben ist.

Diese Verbindungen sind deshalb so interessant, weil COOINX-Chef und „Wirtschaftssenator“ Michael Scheibe kritischen Medien gerne mal einen Hang zum Rechtspopulismus oder gar Rechtsextremismus unterstellt und sie in die Nähe von Verfassungsfeinden rückt, obwohl der Verfassungsschutz diese Medien gar nicht beobachtet. Das freilich verschweigt Michael Scheibe bei seinen Vorwürfen gegen Organe, die seine Geschäftspraktiken mit Skepsis betrachten. Der Zweck solcher Aktionen liegt auf der Hand: Die Kritiker sollen mit der „Faschismuskeule“ traktiert werden, damit sich Außenstehende gar nicht erst inhaltlich mit der Kritik befassen. Ein reines Ablenkungsmanöver also.

Unverkennbare Nähe zu CDU und CSU

Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats ist der langjährige Europaabgeordnete und ehemalige CDU-Parteivorsitzende Ingo Friedrich. Zu den Ehrenvorsitzenden gehören unter anderem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, der frühere christdemokratische Vizepräsident des Italienischen Parlaments, Rocco Buttiglione und der einflussreiche Europaabgeordnete und CDU-Politiker Elmar Brok. Was die politischen Akteure im EWS anbelangt, so ist eine Schlagseite in Richtung Union bzw. Europäischer Volkspartei (EVP) also kaum von der Hand zu weisen, wofür auch der Sitz nahe dem ehemaligen Standort der CSU-Parteizentrale spricht.

Mit Leuten wie Friedrich und Juncker schmückt sich Michael Scheibe sehr gerne, etwa in einer gekauften Jubelmeldung auf der Internetseite des Berliner „Tagesspiegels“, einem sogenannten Advertorial, in dem es zu seinem „Business-Modell für eine bessere Lebensqualität in Europa“ heißt:

Founder Michael Scheibe (57) setzt damit auch das politische Vermächtnis von Dr. Ingo Friedrich (76), Präsident im exklusiven Europäischen Wirtschaftssenat e.V. (EWS) um. Denn Globalisierung und unabdingbare Veränderungen, die sich aus diesem Prozess ergeben, müssen in ein besseres Zusammenspiel zwischen Politik und Wirtschaft münden, um die Zukunft des europäischen Kontinents bestmöglich zu gestalten. Ein wichtiges Stück der COOINX-DNA ist vom europäischen Gen geprägt, schließlich wurde Vollblut-Unternehmer Scheibe als ehrenwerter Senator im EWS von seinem Vorbild Friedrich geprägt. Die Mission der Luxemburger steht natürlich im Einklang mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker (63), der, wenn er von seiner Vision des Projektes Europa spricht, die gut 8.000 Mitarbeiter im Team der COOINX aus 21 Ländern der Europäischen Union sowie der Karibik und Südamerika meinen könnte.“

Die „Senatoren“ Nr. 715 und 716

Dieses Namedropping kommt nicht von ungefähr – es soll Scheibe und der COOINX S.A. Renommée verleihen. Das dürfte auch der eigentliche Grund dafür sein, dass er sich im Kreise der „Wirtschaftssenatoren“ bewegt – das liest sich natürlich gut auf der Visitenkarte, auch wenn hinter dem Verein möglicherweise wenig Substanz steckt.

In der Riege der „Senatoren“ trägt Scheibe im internen Zählsystem des EWS die Nummer 716. Interessant ist nun, wer in der Reihe vor ihm kommt – die Nummer 715 wird nämlich von Cengiz Ehliz belegt, mit dem Scheibe das große Blockchain-Rad drehen will. Ob die direkte Zahlenfolge ein Zufall ist?

Als einziges deutsches Medium berichtete HESSEN DEPESCHE bislang über dieses interessante Detail am 28. August 2018 (https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/das-wee-und-cooinx-mysterium-michael-scheibe,-cengiz-ehliz-und-nietzsches-„ewige-wiederkehr-des-gleichen“.html). Aufschlussreich ist nun, wie Scheibe auf den investigativen Artikel reagierte: Er ließ den Text zu seiner Vita auf der Seite des Europäischen Wirtschaftssenats nämlich schnell redigieren.

Scheibe, seit 2011 gemäß vieler Quellen rechte oder linke Hand des weeCONOMY-Gründers Cengiz Ehliz, trat dort bis zum 28.08.2018 noch als Manager der MPM Group AG und Co-Founder (neben Ehliz) der FlexCom International AG auf. Am 30.08.2018, also zwei Tage nach dem Bericht der HESSEN DEPESCHE, wies ihn die Netzseite des EWS hingegen als Manager der COOINX S.A. aus – von MPM und FlexCom keine SpurSollten hier Spuren aus der Vergangenheit, die dem „Entrepreneur“ (Eigenbezeichnung) heute unangenehm sind, verwischt werden?

Der Europäische Wirtschaftssenat e.V. ist im Vereinsregister München unter der Nummer VR 18226 eingetragen, Geschäftsführer ist Dipl.-Kfm. Michael Jäger. Das beim EWS so prompt reagiert wurde, spricht womöglich für die Verbundenheit Jägers zu Scheibe. Mehr dazu unter: https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/cooinx-s-a-ließ-der-europäische-wirtschaftssenator-michael-scheibe-seine-vergangenheit-bei-flexcom-rasch-redigieren.html.

Welchen Interessen dienen Michael Scheibe und Cengiz Ehliz?

Es wäre nun interessant, in Erfahrung zu bringen, wie man beim EWS zu der Ehre gelangt, als „Senator“ ernannt zu werden. Denn dem Europäischen Wirtschaftssenat (EWS) kann man nicht einfach beitreten – man wird zum Senator berufen, wenn man vom EWS für würdig befunden wird. Träger dieses Titels – oftmals Inhaber von mittelständischen Unternehmen – sehen dies als besondere Auszeichnung an und nutzen dies auch in ihrer PR. Michael Scheibe und der Bad Tölzer Cengiz Ehliz – der auch gerne mal Selfies von sich und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) veröffentlicht – sind da keine Ausnahme.

Gerade bei ihnen wäre es aber sicherlich auch für Anleger des angekündigten ICOs hilfreich zu erfahren, wie sie dazu gekommen sind und welche Verpflichtungen damit verbunden sind – oder anders gesagt: Welche Interessen möglicherweise hineinspielen.

Genau diesen Recherchen widmet sich HESSEN DEPESCHE derzeit und wird sicherlich schon bald Antworten auf brennende Fragen rund um das Engagement von Cengiz Ehliz und Michael Scheibe für den Europäischen Wirtschaftssenat e.V. geben können, um so einen weiteren Mosiakstein im „wee“-Komplex zu präsentieren.

 

Hinweis:

https://sus-law.de/2016/08/17/landgericht-hamburg-beschrankt-werbung-mit-top-100-und-dem-europaischen-wirtschaftssenat/

Letzte Änderung am Mittwoch, 26 Dezember 2018 18:57
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