hessen-depesche.de

Publiziert in Interview

Interview zum neuen Buch „Das Grauen“

Ramin Peymani: „Die Parallelgesellschaft der Journalisten und Berufspolitiker betrachtet den Souverän zunehmend als Störenfried“

Mittwoch, 01 Februar 2017 18:59 geschrieben von 
Der Publizist und Buchautor Ramin Peymani Der Publizist und Buchautor Ramin Peymani Quelle: Ramin Peymani

Kelkheim – Der liberale Publizist Ramin Peymani ist den Lesern der HESSEN DEPESCHE als pointierter Kommentator des Zeitgeschehens bekannt. Nun hat der Ex-Banker und frühere Büroleiter von Theo Zwanziger beim DFB, der sich kommunalpolitisch für die FDP im Main-Taunus-Kreis engagiert, ein neues Buch veröffentlicht. Darin setzt er sich gewohnt kritisch mit dem bundesdeutschen Politikbetrieb und der Medienzunft auseinander. Der Band, zu dem der Berliner Historiker Jörg Baberowski ein Vorwort beigesteuert hat, ist unter dem Titel „Das Grauen“ im Juwelen-Verlag (www.juwelenverlag.de) erschienen. Wir haben uns mit Ramin Peymani unterhalten – über sein neues Buch, seine Kritik an den politischen Entwicklungen und auch darüber, wie der zunehmende Protest gegen das Establishment aus liberaler Sicht zu bewerten ist.

HESSEN DEPESCHE: Herr Peymani, Ihr neues Buch „Das Grauen“ ist gerade erschienen. Was darf der Leser vom „neuen Peymani“ erwarten?

Ramin Peymani: Auf fast 200 Seiten gehe ich einmal mehr dem Irrsinn des Zeitgeists auf den Grund. Anhand von mehr als 50 Beispielen führe ich dem Leser vor Augen, wie sich die Parteien den Staat zur Beute machen, wie Berufspolitiker der Demokratie schaden und wie eine manipulative Medienmeute versucht, der Gesellschaft ihre Ideologie aufzuzwingen. Hatte die „Klodeckel-Trilogie“ noch einen eher satirischen Charakter und griff auch allerlei Verwunderliches jenseits der Politik auf, so sind meine Texte heute politischer, ernsthafter und zugespitzter. Dies spiegelt sich auch in der Umbenennung meines Blogs in „Liberale Warte“ wider.

HESSEN DEPESCHE: Das Cover Ihres Buches ziert eine Grafik, die an Edvard Munchs berühmtes Gemälde „Der Schrei“ angelehnt ist. Sind Sie ein Munch-Liebhaber – oder was hat Sie zu dieser Illustration bewogen?

Ramin Peymani: Ich habe mich in der Tat nicht ohne Grund von Edvard Munch inspirieren lassen – und der Juwelen-Verlag hat die Idee grafisch großartig umgesetzt. Munch steht für eine Zeitenwende in der Malerei und gilt als einer der Begründer des Expressionismus und damit einer ganz neuen Epoche. „Der Schrei“ ist sicher sein berühmtestes Bildmotiv, das besser als jedes andere das Entsetzen illustriert, mit dem immer mehr Bürger das Treiben einer „Elite“ verfolgen, die eine morbide Lust am Verfall von Werten und Kultur zu verspüren scheint – ganz, wie wir es aus dem Dekadentismus zur Zeit Edvard Munchs kennen.

HESSEN DEPESCHE: Das Vorwort zu Ihrem Buch hat der Historiker Prof. Jörg Baberowski, Lehrstuhlinhaber für die Geschichte Osteuropas an der Berliner Humboldt-Universität, beigesteuert. Sie haben sich in einem Ihrer Beiträge mit einer Kampagne des AStA und des linksextremen Milieus gegen Herrn Prof. Baberowski befasst. Kam dadurch der Kontakt zustande, der schließlich in dem Vorwort mündete?

Ramin Peymani: Mit Herrn Prof. Baberowski, den ich persönlich sehr schätze, stand ich schon zuvor in Kontakt. Wir stellten früh eine große Übereinstimmung bei einer Reihe gesellschaftspolitischer Fragen fest, insbesondere beim Thema Zuwanderung. Mein Ende Oktober von mehr als 100.000 Menschen gelesener Artikel über den Versuch, den Kritiker der Merkel‘schen Willkommensparty mundtot zu machen, war der Ausgangspunkt für die Intensivierung unseres Austauschs. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ein derart renommierter Historiker und Gewaltforscher mein Buch mit einem brillanten Beitrag bereichert, der weit mehr ist als ein Vorwort und passgenau vorzeichnet, was ich in einer Vielzahl von Fallbeispielen ausführe.

HESSEN DEPESCHE: Herr Prof. Baberowski hat sich ja – was ein Grund für die Kampagne gegen ihn war – im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise in mehreren Beiträgen ablehnend zur Migrationspolitik Angela Merkels geäußert und die seiner Ansicht nach einseitige Fokussierung auf die „Willkommenskultur“ kritisiert. Teilen Sie seine Einschätzungen?

Ramin Peymani: Absolut. Als Migrant der 1970er Jahre, dessen Familie vor einem islamistischen Regime fliehen musste, gehörte ich zu den frühen Kritikern des Umgangs mit der Zuwanderungswelle der Jahre 2015/16. Das Asylrecht ist ebenso klar definiert wie die Frage, wer als Flüchtling gelten kann. Hier lohnt ein Blick ins deutsche Asylgesetz und in die Genfer Konventionen. Völlig undifferenziert hat die Politik Millionen von Zuwanderern Tür und Tor geöffnet und dabei jede staatliche Ordnung und Kontrolle aufgegeben. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hat die Kanzlerin an den Parlamenten vorbei eigenmächtig das Dublin-Abkommen und das deutsche Recht außer Kraft gesetzt, ohne jemals zur Verantwortung gezogen zu werden. Gleichzeitig haben die Medien den Flüchtlingsbegriff umgedeutet und damit entwertet – zum Schaden derer, die wirklich aus Furcht um Leib und Leben geflohen sind.

HESSEN DEPESCHE: Ist der „Fall Baberowski“ Ihrer Ansicht nach so etwas wie ein Lackmustest für die Meinungsfreiheit in Deutschland, die politisch bedroht wird?

Ramin Peymani: Der „Fall Baberowski“ macht deutlich, wie sehr die Meinungsfreiheit in Gefahr ist. Und es gibt unzählige weitere Fälle. Ermuntert durch die einseitige Parteinahme von Medien und Politik, reklamieren linke Gesinnungspolizisten inzwischen die Deutungshoheit im gesellschaftlichen Diskurs. Andersdenkende werden dabei mit allen Mitteln bekämpft. Artikel 5 des Grundgesetzes scheint vielfach nur noch für jene zu gelten, die sich nach dem Empfinden der Tugendwächter „richtig“ äußern. Und die Bundesregierung beteiligt sich ganz offiziell an der Zensur: Missliebige Äußerungen in den sozialen Netzwerken werden von einer Task Force des Justizministers aufgespürt, um sie nach Gutdünken und ohne Prüfung einer Strafbarkeit zu löschen. Parallel dazu plant man die Errichtung eines „Abwehrzentrums“, das künftig darüber entscheiden soll, was als wahr gelten darf. Die ausbleibende öffentliche Empörung zeigt, dass wir Deutsche aus unserer Geschichte nichts gelernt haben.

HESSEN DEPESCHE: Wie schon Ihr vorheriges Buch „Spukschloss Deutschland“ ist Ihr neuer Band im Juwelen-Verlag erschienen – in einem Verlag, der ein libertäres Profil hat und etwa Werke von Ayn Rand und ihrem wohl wichtigsten „Schüler“ Leonard Peikoff sowie Sachbücher zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie veröffentlicht hat. Ist das auch Ihre Linie?

Ramin Peymani: Ich bin Mitglied des Vorstands des Hayek-Clubs Frankfurt und daher mit der Österreichischen Schule der Nationalökonomie vertraut. In der Tat kann ich dem Ansatz viel abgewinnen. Doch so regelmäßig ich mich als Wirtschaftswissenschaftler und Ex-Banker zu ökonomischen Themen äußere, so wenig war die Wahl des Juwelen-Verlags als Partner von meinem besonderen Wirtschaftsinteresse geprägt. Vielmehr hat die grundsätzliche Ausrichtung des Verlags den Ausschlag gegeben, Freidenkern eine Plattform zu bieten und eine konsequent liberale Linie zu verfolgen. Mit Susanne Kablitz habe ich dabei eine faire, kompetente und engagierte Verlegerin an meiner Seite, wie man sie sich als Autor nur wünschen kann.

HESSEN DEPESCHE: Wenn man sich Ihre Texte und Bücher anschaut, würde mancher sicherlich sagen, dass die Tonart und die Stoßrichtung eher dem Wutbürger-Milieu entsprechen, also dem Spektrum, das politisch von der AfD abgedeckt wird. Sie sind allerdings Mitglied der FDP. Wie passt das zusammen?

Ramin Peymani: Die FDP ist die einzige Partei, die ihre Mitglieder nicht durch einen ideologischen Überbau miteinander verbindet. Das macht die Sache zuweilen anstrengend, weil der parteiinterne Diskurs die ganze Bandbreite des Meinungsspektrums abdeckt. Andererseits bietet die FDP dadurch aber jedem liberal Denkenden eine Heimat. Dass ich als Autor hier und da zuspitze, macht mich nicht zum Wutbürger. Es gehört zum Wesen des politischen Kommentars, Sachverhalte pointiert darzustellen, um Missstände aufzuzeigen und Menschen wachzurütteln. So schonungslos ich dies zuweilen tue, so wichtig ist mir, nie beleidigend zu sein. Vor allem recherchiere ich stets gründlich. In all den Jahren meines publizistischen Wirkens musste ich noch nie eine Aussage relativieren oder zurücknehmen.

HESSEN DEPESCHE: In der vom Verlag veröffentlichten Beschreibung Ihres Buches heißt es, es habe sich in Deutschland „eine Parallelgesellschaft etabliert, die eine Gefahr für die Demokratie darstellt“. Diese schwäche den Rechtsstaat, entwerte die verfassungsmäßigen Institutionen und entmündige die Bürger. Wie ist das zu verstehen?

Ramin Peymani: Die Parallelgesellschaft der Journalisten und Berufspolitiker lebt in ihrer ganz eigenen Welt der Selbstvergewisserung. Den Souverän der Demokratie betrachtet sie zunehmend als Störenfried. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die zur Spaltung der Gesellschaft geführt hat. Darüber hinaus zeugt das politische Handeln beim Atomausstieg, bei der Euro-„Rettung“ und in der Zuwanderungskrise von einer Geringschätzung der staatlichen Organe. Unter vermeintlichem Zeitdruck, der zum Teil hausgemacht war, wurden hastige Eilentscheidungen gefällt. Dabei wurden die Parlamentarier entweder durch die Kurzfristigkeit von Abstimmungen überrumpelt oder man ließ sie gleich ganz außen vor, wie bei der berühmten Selbstermächtigung der Kanzlerin zur Öffnung der deutschen Grenzen im September 2015. Gerade beim Thema Zuwanderung wird deutlich, wie sehr der Rechtsstaat ausgehöhlt worden ist, weil seitens der Politik offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen wird.

HESSEN DEPESCHE: Weiter heißt es in dem erwähnten Text: „Noch sichert ein weit verzweigtes Netzwerk ihre Macht ab, doch das Jahr 2016 könnte einen Wendepunkt markiert haben: In Deutschland und in weiten Teilen Europas hat sich der Souverän auf den Weg gemacht, die Demokratie zurückzuerobern.“ Jetzt muss ich aber nochmal nachhaken: Das spielt doch nicht auf Wahlerfolge von Parteien des politischen Liberalismus an, sondern auf sogenannte „Rechtspopulisten“ wie Wilders in den Niederlanden, Le Pen in Frankreich, die FPÖ in Österreich oder eben die AfD in Deutschland. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Ramin Peymani: Die von Ihnen genannten Parteien verbindet eines: Sie sprechen die Themen an, über die sich viele Menschen Sorgen machen, und haben es dadurch geschafft, Millionen von Wählern wieder zur Teilnahme am politischen Diskurs und am demokratischen Prozess zu bewegen. Das kann man schlecht finden, weil man die Programmatik rechter Parteien ablehnt. Als überzeugter Liberaler gestehe ich das Recht zur demokratischen Teilhabe aber den Vertretern aller politischen Richtungen zu, solange sie sich auf dem Boden der Verfassung bewegen. Wenn man sich schon kritisch mit der Entwicklung auseinandersetzt, gehört es dazu, auch ein wenig Ursachenforschung zu betreiben. Dann muss man erkennen, dass erst die jahrelange Linksdrift im politischen Koordinatensystem zum Erstarken rechter Parteien geführt hat.

HESSEN DEPESCHE: Zählen Sie den Wahlerfolg Donald Trumps in den USA auch zu den Beispielen für eine Rückeroberung der Demokratie durch den Souverän?

Ramin Peymani: Donald Trumps Wahlerfolg ist vor allem eine Niederlage für das politische Establishment und die medialen Meinungsmacher. Aber natürlich ist seine Wahl auch ein Sieg der Demokratie, weil es wohl selten einen US-Präsidenten gab, dem im Wahlkampf ein derart geballter medialer Hass entgegengeschlagen ist. Dass Trump am Ende gegen jede Wahrscheinlichkeit die klare Mehrheit der Wahlmänner auf sich vereinigen konnte, zeigt, dass die Wähler mündig genug sind, ihre demokratischen Rechte auch dann wahrzunehmen, wenn man versucht, sie durch Hetzkampagnen zu einer gewünschten Stimmabgabe zu bewegen. Man muss kein Fan des neuen amerikanischen Staatsoberhauptes sein, um sich darüber zu freuen, dass der Souverän in einer Demokratie frei genug ist, seine eigene Wahl zu treffen.

HESSEN DEPESCHE: Kommen wir abschließend zu einem ganz anderen Thema: Sie waren Büroleiter von DFB-Präsident Theo Zwanziger. Wenn Sie heute die „Political Correctness“ kritisieren, war Herr Zwanziger nicht jemand, der – im Gegensatz zu seinem Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder, der politisch ein Konservativer war – im Sinne dieser „Political Correctness“ agierte und dafür gesorgt hat, dass der deutsche Fußball respektive die deutsche Nationalmannschaft – inzwischen offiziell nur noch „Die Mannschaft“ genannt – auf diese Linie getrimmt wird?

Ramin Peymani: Mit Herrn Dr. Zwanziger verbindet mich nach wie vor ein herzliches Verhältnis, das von tiefem Respekt geprägt ist. Dem früheren DFB-Präsidenten ging es stets darum, die enorme Popularität des Fußballs dazu zu nutzen, im Kampf gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus alle gesellschaftlichen Schichten anzusprechen. Herr Dr. Zwanziger hat den Fußball in seiner Amtszeit gesellschaftsfähig gemacht und dem DFB ein großes Vermächtnis hinterlassen. Findige Marketingstrategen haben die ehrlich gemeinten Weichenstellungen allerdings inzwischen auf eine Weise „perfektioniert“, die sich ganz dem Zeitgeist verschreibt. Wo dabei Glaubwürdigkeit und Image anfangen zu leiden, kann jeder nur für sich selbst entscheiden.

HESSEN DEPESCHE: Herr Peymani, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Zur Person: Der Publizist und Buchautor Ramin Peymani (Jahrgang 1968) lebt im hessischen Kelkheim. Er ist Abgeordneter der FDP-Fraktion im Kreistag des Main-Taunus-Kreises und Vorsitzender der Vereinigung Liberaler Kommunalpolitiker im Main-Taunus-Kreis. Neben seinem ehrenamtlichen politischen Engagement hält der Ex-Banker Fachvorträge zur Euro- und Staatsschuldenkrise sowie zum Thema „Corporate Social Responsibility“ und betätigt sich publizistisch für eine Reihe von Debattenmagazinen. Besonders intensiv beschäftigt sich Ramin Peymani mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, die er in seinem Blog „Liberale Warte“ (www.liberale-warte.de) aufs Korn nimmt. Der sportbegeisterte Hobbyfußballer zählt Reisen und gutes Essen und zu seinen Leidenschaften. Peymani studierte von 1988 bis 1992 Wirtschaftsinformatik an der European Business School in Oestrich-Winkel (Abschluss: Diplom). Von 1992 bis 1997 war er zunächst Gruppenleiter Devisenbewertung / Handelsabwicklung und danach Gruppenleiter Cash Management bei der Citibank in Frankfurt am Main. Danach wechselte er zu Goldman Sachs, wo er als Leiter Treasury Operations tätig war. Von 2002 bis 2008 war er beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) beschäftigt, erst als Leiter der Revision, danach als Büroleiter des damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger. Seit 2009 arbeitet Peymani als freier Autor und Publizist.

Letzte Änderung am Freitag, 10 Februar 2017 15:14
Artikel bewerten
(12 Stimmen)
Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.hessen-depesche.de/show/author/60-michael-krug.html
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten

Team