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Teurer Exportschlager

Schweizer sprechen sich in Referendum für Energiewende nach deutschem Vorbild aus

Montag, 22 Mai 2017 16:14 geschrieben von 
Schweizer sprechen sich in Referendum für Energiewende nach deutschem Vorbild aus Bildquelle: PIXABAY.COM

Bern - Die deutsche „Energiewende“ gilt Umweltaktivisten und grünen Politikern weltweit als vorbildlich. Die Entscheidungsstärke und der Mut der deutschen Politik, so konsequent erneuerbaren Energien den Weg zu bereiten, wird seit Jahren gelobt. Doch nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist im internationalen Vergleich zu beobachten, dass das deutsche Modell dennoch von kaum einem Land direkt übertragen wird.

Immer mehr Länder wollen nicht einseitig auf Wind- und Solarkraft setzen, sondern stattdessen einen echten Energiemix durchsetzen, der auf verschiedensten Formen der Energiegewinnung fußt. So sorgte Mitte letzten Jahres etwa ausgerechnet die rot-grüne schwedische Regierung für Aufsehen, als sie sich öffentlichkeitswirksam vom Atomausstieg verabschiedete. Statt Kraftwerke einfach nur abzuschalten, sollen die alten Meiler nun durch neue, moderne und sichere ersetzt werden.

Strom aus Atommüll: „Energie für 5000 Jahre“?

Ab 2030 wollen Länder wie USA, Russland, Frankreich und vor allem Indien die Atomkraft auf eine ganz neue Stufe heben. Dann soll in den Kraftwerken nicht mehr nur neues Uran verarbeitet werden, sondern vor allem auch der viel gescholtene Atommüll. In ihm stecke die Energie für 5000 Jahre, erklärte Professor Thomas Schulenberg vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gegenüber WELT.de.

Sichere Atomkraftwerke gibt es heute schon in China

Auch die Sicherheitsfrage ist längst gelöst: Bereits heute gibt es in China zwei Kugelhaufenreaktoren, die inhärent sicher sind und bei denen eine Kernschmelze physikalisch ausgeschlossen ist. Ihre Leistung ist mit 6 Megawatt pro Kubikmeter zwar deutlich geringer als die 100 Megawatt pro Kubikmeter bei den aktuellen Druckwasserreaktoren, einen Beitrag zu einem ausgewogenen Energiemix könnten sie dennoch leisten – vor allem dann, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst. Die Technologie kommt übrigens aus Deutschland, ist hier aber politisch anscheinend nicht gewollt. Ein „Dual-Fluid“-Reaktor hatte 2013 glänzende Chancen, den Green Tech Award zu gewinnen, doch er wurde nachträglich von der Jury disqualifiziert. Ob sauber und sicher oder nicht: Atomkraft soll anscheinend in Deutschland keine Zukunft mehr haben.

Schweizer stimmen für Energiewende

Doch nach den Deutschen haben nun auch die Schweizer dem Neubau von Atomkraftwerken eine deutliche Absage erteilt und sich für eine „Energiewende“ ausgesprochen. In einem Referendum am heutigen Sonntag stimmte eine deutliche Mehrheit für das revidierte Energiegesetz. Dieses sieht neben dem Neubaustopp auch eine „Energiestrategie 2050“ vor, die erneuerbare Energien nach deutschem Vorbild privilegiert. Auch soll die Schweiz in den europäischen Strommarkt eingebunden werden und sich der EU mithin auf diesem Gebiet stärker annähern. Alle Parteien mit Ausnahme der rechtskonservativen SVP, die das Referendum erzwang, hatten sich für das Gesetz ausgesprochen.

Noch zahlen die Schweizer im Vergleich zu Deutschen Spottpreise für den Strom

Damit dürften die Strompreise in der Schweiz nun kräftig steigen. In dem Land, das im europäischen Vergleich mit die höchsten Lebenshaltungskosten aufweist, kostet der Strom im Durchschnitt 20,2 Rappen – umgerechnet 18,3 Cent – pro Kilowattstunde. In Deutschland sind es 2017 im Durchschnitt 29,1 Cent und mithin 59 Prozent mehr als in der Schweiz. Damit ist der Strom in Deutschland so teuer wie in keinem anderen westlichen Land mit Ausnahme von Dänemark. Unsere französischen Nachbarn mit Faible für Atomstrom zahlen mit 16 Cent pro Kilowattstunde sogar nur etwas mehr als die Hälfte.

In kaum einem Land ist der Strom so teuer wie in Deutschland

Immer mehr Haushalte in Deutschland können sich die hohen Strompreise nicht mehr leisten: 2016 wurde in 330.000 Haushalten der Strom wegen offener Rechnungen abgestellt. Nachdem bislang Normalverbraucher die von der EEG-Umlage nahezu befreite Schwerindustrie und die satten Profite von Besserverdienern mit Eigenheim und Photovoltaikanlage querfinanzieren durften, könnten es künftig für große Bevölkerungsteile gar nicht mehr erschwingliche teure Elektroautos sein, die über die Stromrechnung mitbezahlt werden müssen.

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Robin Classen

Robin Classen (Jahrgang 1991) hat Rechtswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert und ist seit 2008 als freier Journalist tätig.

Er ist politisch in der AfD aktiv und widmet auch seine Freizeit als Mitglied eines Vereins für internationale Brieffreundschaften dem Schreiben.

Seine Artikel behandeln bevorzugt politische Themen. Er versteht sich jedoch als journalistischer Allrounder mit einem breiten Themenspektrum.

Seit Juni 2016 gehört er der Redaktion von HESSEN DEPESCHE an.

Webseite: www.hessen-depesche.de/show/author/62-robin-classen.html
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