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Häme über "Chronik des Chaos"

Sebastian Münzenmaier und Marc Jongen im Wahlkampf für die AfD

Sonntag, 27 August 2017 13:17 geschrieben von 
Marc Jongen und Sebastian Münzenmaier reifen zu Schwergewichten der AfD heran Marc Jongen und Sebastian Münzenmaier reifen zu Schwergewichten der AfD heran Quelle: HESSEN DEPESCHE

Mainz - Ein Landwirt zahlt Rundfunkbeitrag für seine Kühe, 290 Millionen Entwicklungshilfe für Tunesien, 41 Prozent bilden gegenüber 59 Prozent die Mehrheit, und was zur Hölle ist eigentlich aus dem betrügerischen Franco A. geworden?

Keine Frage, des Wahnsinns irres Heute bot den beiden Hauptrednern im Bürgerhaus in Budenheim genug Munition. Sie brauchten sich ihrer nur zu bedienen und das taten sie auch: Beide Reden waren nach dem Prinzip "Chronik des Chaos'" komponiert. Der rheinland-pfälzische AfD-Bundestags-Spitzenkandidat Sebastian Münzenmaier und der baden-württembergische AfD-Landessprecher Marc Jongen durchpflügten Skandal um Skandal und Politikfeld um Politikfeld in der Mission, die Dringlichkeit eines blauen Wahlerfolges nahezulegen. Die knapp 80 Zuhörer ließen durch Applaus und Nachfrage keinen Zweifel daran, dass den beiden in vieler Hinsicht sehr unterschiedlichen Rednern dies auch gelungen ist. Allerdings zeigten beide lehrbuchtauglichunterschiedliche Ansätze in ihrer Wahlkampfrhetorik.

Münzenmaier hat das Talent, in Nüchternheit zu leuchten. Er redet, als würde er in der Fußgängerzone am Infostand stehen und schon seit fünf Minuten mit Erna Kawuttke plaudern. Bei all seiner charakteristischen Heiterkeit - eine Mischung aus Vorfreude, jugendlichem Optimismus und amüsierter Souveränität - behält er sich den Sinn für ernsthafte Fragen. "Was ist denn sozial gerecht?", fragt er ins Publikum. Wer sich diese berechtigte Frage zuvor noch nicht gestellt haben sollte, hatte nun einen Anlass. Der 28jährige giftet nicht, greift statt zur gespielten Empörung zum kindlichen Erstaunen.

"Unser Land wird sich ändern, und ich freue mich drauf'", zitiert er die Grüne Katrin Göring-Eckhardt in ihrer Vorfreude auf die Migrationsschwemme.

Die Fassungslosigkeit darüber ist ihm leicht abzunehmen. Aber ganz zum Schluss seiner Rede schafft der gegenwärtig unter Anklage stehende Pfälzer Fußballfan die optimistische Wendung dieses Zitates: Er wird, so verspricht er, am Tag des Wahlerfolges und des gesicherten Bundestagseinzuges der AfD diesen Satz voller echter Zufriedenheit sagen.

Münzenmaier musste zum nächsten Termin aufbrechen, versprach aber über seinen Nachredner Marc Jongen: "Der wird Sie noch mehr begeistern wie ich." Ein Tag-Nacht-Unterschied: dunklere Hautfarbe, dunklere Haarfarbe, dunklere Augenfarbe, allgemein eine große und ernste Erscheinung, wenn auch nicht ganz so streng wie auf dem Ankündigungs-Plakat.

Nur der Hauch eines Tiroler Dialektes ließ eine publikumszugewandte Freundlichkeit vermuten.

Der Vortrag Jongens fällt durch das auf, was er NICHT ist: nicht populistisch, nicht wahlkampftypisch, aber auch nicht verkopft-akademisch, wie es das Klischee eines promovierten Philosophen vorschnell einflüstern will. Mit seiner "Anti-Rhetorik" (Franz-Josef Strauß) wirkt der gebürtige Südtiroler wie ein Anti-Höcke, der bei aller Idiotie der gegenwärtigen Politik selbst mit spöttischer Ironie sparsam umgeht, nachdenklich, geradlinig und gewählt formuliert, manchmal sogar zögert. Auch die behutsame Stimm-Modulation passte zu seinem durch und durch moderaten Auftreten.

Akademischer Scharfsinn leuchtete dagegen beim Thema Europa auf: "Man darf ja Europa und EU nicht verwechseln!" In der Tat eine von etablierten Politikern bereitwillig übernutzte propagandistische Verwechslung. "Man darf ja schon dieses Wort ,Volk' kaum noch aussprechen. Das Volk darf nur noch im Zusammenhang mit Verhetzung genannt werden!" Volltreffer!

Jongens Ausflug in George Orwells Dystopie von "1984" und die daraus abgeleitete, gelungene Gleichstellung von "Mutti" (Merkel) mit "Big Brother" bildete den Höhepunkt an Geistreichtum dieses Abends, offenbarte aber auch die Schwäche des Gastes aus Baden-Württemberg: Der Mangel an "Happy Product", der der Partei in anderem Zusammenhang vorgeworfen wird, ließ nicht gerade Wahlkampfstimmung aufkommen, sondern eher nach dem nächsten Strick für den eigenen Hals suchen.

Dann jedoch geschah etwas merkwürdiges: Bei der Publikumsfragerunde - sonst ein El Dorado für Mikrofongrabscher, Selbstdarsteller und ungeliebteKoreferats-Liebhaber - verwandelte sich der dunkle Stern in einen Visionär: Die Parteibasis solle die Vorfreude, der gegenwärtigen Politik bald "ihre Verfehlungen unter die Nase reiben" zu können, als "Kraftquelle" nutzen. Und ja, vielleicht reiche die künftige Fraktionsstärke für einen "Untersuchungsausschuss Angela Merkel". Jongen blühte auf: Er schien sich im Dialog mit den interessierten Fragestellern wohler zu fühlen als im Monolog der Wahlkampfprosa. Eine uneitle Tugend, selbst bei nicht-etablierten Politikern selten.

Ein Moment von einigen, die den Zuhörer hoffen ließen, einen Blick auf Verstand und Charakter der Neupolitiker zu erhaschen. Und vielleicht am 24. September 2017 tatsächlich eine Alternative ankreuzen zu können.

Letzte Änderung am Sonntag, 27 August 2017 13:22
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Cornelius Persdorf

Cornelius Persdorf (Jahrgang 1985) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Redakteur. Nebenberuflich engagiert sich der Politologe als Klaviermusiker und Chorbegleiter.

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