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FDP-Nachwuchspolitikerin macht sich für Nordhessen stark

Wiebke Reich (FDP): „Wir Liberalen vertrauen auf den gesunden Menschenverstand“ - "CDU ist sehr sozialdemokratisch geworden"

Sonntag, 22 Mai 2016 17:15 geschrieben von 
Wiebke Reich (FDP) möchte Nordhessen eine starke Stimme geben Wiebke Reich (FDP) möchte Nordhessen eine starke Stimme geben Quelle: Wiebke Reich

Neukirchen – Die nordhessische Kommunalpolitikerin Wiebke Reich gilt als hoffnungsvolles Nachwuchstalent der hessischen FDP. Die frühere stellvertretende Landesvorsitzende und Landtagskandidatin der Jungen Liberalen bringt nach Ansicht vieler Parteifreunde gute Voraussetzungen mit, um in der Politik ganz nach oben zu kommen: Sie ist kommunikationsfreudig, intelligent, nicht zuletzt auch attraktiv und verfügt über eine solide Ausbildung, die ihr nicht nur bei ihrem Job als Fachfrau für PR und Unternehmenskommunikation in einem regionalen ÖPNV-Unternehmen zugutekam. Inzwischen ist Wiebke Reich Pressesprecherin der hessischen Tischler.

Auch innerhalb der hessischen FDP, vor allem in ihrem Heimatkreis Schwalm-Eder, ist die Politologin, die in Gießen, Brest (Frankreich) und Mainz studiert hat, als talentierte Netzwerkerin bekannt, ohne dass ihr, wie es in solchen Fällen oft vorkommt, der Ruf einer Intrigantin oder rücksichtslosen Wadenbeißerin vorauseilen würde. Egal wen man in der hessischen FDP fragt, von der Gemeinde- und Kreis- bis zur Landesebene: überall hört man nur Gutes über die 34-Jährige, die neben ihrer Stadtverordnetentätigkeit in Neukirchen die FDP-Fraktion im Kreistag von Schwalm-Eder führt und ihre Partei im Ältestenrat, dem Haushalts- und Finanzausschuss sowie dem Ausschuss für Bildung und Kultur vertritt.

Wiebke Reich hat erkannt, dass man das Heimatliche und Bodenständige nicht den rechten Populisten überlassen darf. Ihre medial beachteten Wahlkampfauftritte mit Schwälmer Tracht und „Ahle Worschd“, einer nordhessischen Mettwurstspezialität, zeugen von der tiefen Verbundenheit mit ihrer Heimatregion. Die junge Liberale, die auch als stellvertretende Kreisvorsitzende der FDP Schwalm-Eder amtiert, dort die FDP-Kreistagsfraktion führt und dem Landesvorstand der Freidemokraten angehört, will dies zwar nicht überbetont wissen, gerade die Schwälmer Tracht, in der sie auch für Postkarten posierte, ist in ihren Augen jedoch ein „schönes Symbol“, das „positiv besetzt“, aber leider „am Aussterben“ sei, wie sie gegenüber HESSEN DEPESCHE bedauert. Tracht und „Ahle Worschd“ seien die Wahrzeichen ihrer Region – eine Region, die wieder stärker in den Fokus gerückt gehöre. „Ich finde, dass Nordhessen zu kurz kommt“, so Reich. Auch um dies zu ändern, sei sie in die Politik gegangen.

Wie kommt jemand wie Wiebke Reich dazu, sich ins Hamsterrad der Politik zu begeben? Viele ihrer Altersgenossen haben damit nichts am Hut, kümmern sich wenig um solche Belange, gerade auf der kommunalen Ebene, wo nicht die großen Linien gezeichnet werden, sondern man mit maroden Straßen, Bebauungsplänen oder der Beschaffung von neuen Kita-Möbeln beschäftigt ist.

Fragt man die FDP-Nachwuchspolitikerin nach ihrem Leitmotiv, so bekommt man als Antwort: „Einer muss es ja tun.“ Klingt zunächst einmal nicht hochpolitisch, sondern ziemlich unideologisch. Dennoch sind es nicht nur familiäre Grunde – ihr Vater Helmut Reich stand vor ihr an der Spitze der örtlichen FDP-Fraktion –, die sie in die Reihen der Liberalen geführt haben, sondern auch Ideale: Von den Freidemokraten sei sie „in fast allen Punkten überzeugt“, versichert Reich im Gespräch mit HESSEN DEPESCHE. Am wichtigsten sei ihr, dass die Eigenverantwortung der Bürger gegenüber dem Staat wieder gestärkt werde. Die FDP vertraue „auf den einzelnen Menschen“ und den „gesunden Menschenverstand“. In dieser Form finde man dies nur bei den Liberalen.

Im Rückblick sieht sie aber auch einiges kritisch, vor allem landes- und bundespolitisch. Die FDP habe sich bei ihrer letzten Regierungsbeteiligung sowohl im Land als auch im Bund „zu oft verbogen“. Manches habe sie kaum mittragen können, etwa das Hessische Kinderförderungsgesetz oder die „Herdprämie“ auf Bundesebene. Daher sieht sie ihre Partei nicht mehr als natürlichen Koalitionspartner der Union, sondern auf Äquidistanz zu CDU und SPD. „Die CDU ist sehr sozialdemokratisch geworden“, bemängelt die liberale Jungpolitikerin, die ihre FDP als einzige Kraft der Mitte betrachtet. Auf kommunaler Ebene sei allerdings, wie sie bemerkt, eine Zusammenarbeit „mit fast allen Parteien“ möglich.

Dass Wiebke Reich nicht auf kommunalpolitischer Ebene verharren will, sondern Kurs auf Wiesbaden nimmt, darf bei einer so ambitionierten Nachwuchspolitikerin nicht verwundern. Vor der letzten Landtagswahl im Jahr 2013 schaffte sie es als Wunschkandidatin der hessischen JuLis auf Listenplatz 8. Das reichte damals nicht für einen Einzug in den Hessischen Landtag, zum Zuge kamen bei dem mageren und denkbar knappen 5%-Ergebnis (minus 11,2 %) nur die ersten sechs Kandidaten Jörg-Uwe Hahn, Nicola Beer, Florian Rentsch, Wolfgang Greilich, Jürgen Lenders und René Rock.

Mittlerweile befinden sich die Freidemokraten nicht nur in Hessen wieder im Aufwärtstrend. Sollte der anhalten, dürften die Freidemokraten ab 2017 wieder im Bundestag vertreten sein. Für Wiebke Reich ist damit die „Mission Landtag“, wie sie ihre Kampagnenseite im Internet seinerzeit nannte, noch nicht abgeschlossen, sondern könnte früher als erwartet wieder aktuell werden. „Wir müssen die nächsten anderthalb Jahre kämpfen, damit wir wieder in den Bundestag kommen“, so Reich gegenüber HESSEN DEPESCHE, um klarzustellen, dass dies kein Selbstläufer ist. Und sie bekräftigt: „Mittelfristig möchte ich dann schon in den Landtag.“

Mittelfristig? Vielleicht gelingt es ihr ja etwas schneller: Sollten die Liberalen im kommenden Jahr den Wiedereinzug in den Bundestag schaffen, dürfte klar sein, dass die gewissermaßen auf Platz 1 der hessischen Landesliste „gesetzte“ FDP-Generalsekretärin Nicola Beer von Wiesbaden nach Berlin geht. Als Nachrücker für ihren Landtagssitz würde vor Wiebke Reich zwar noch der frühere Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Frank Blechschmidt, zum Zuge kommen, doch wie man hört, wäre er durchaus bereit zu verzichten, da er mit seiner gut laufenden Anwaltskanzlei voll ausgelastet ist. In diesem Fall würde Platz 8, also Wiebke Reich, zum Zuge kommen. Was dafür ebenfalls spräche: Durch den Weggang von Nicola Beer würde die FDP-Fraktion im Hessischen Landtag zu einem reinen „Männerclub“ werden. Auch wenn die Liberalen aufgrund ihres Selbstverständnisses mit Quoten wenig am Hut haben – dem Image ist es kaum zuträglich, wenn nicht wenigstens eine Frau dabei ist.

Angesprochen auf die Option eines möglichen Verzichts von Frank Blechschmidt, lacht Wiebke Reich zwar zunächst, räumt am Ende aber dennoch ein: „Hab das auch schon gehört“. Allerdings habe sie „nichts schriftlich vorliegen“. Daher will sie sich gegenüber HESSEN DEPESCHE dazu „noch gar nicht dazu äußern“. Ein Dementi klingt anders, und möglicherweise wurden hinter den Kulissen doch schon die Weichen für den Fall der Fälle gestellt. Wiebke Reich ist allerdings zu sehr politischer Profi, um sich hier in die Karten schauen zu lassen.

Letzte Änderung am Sonntag, 28 August 2016 15:50
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Enno-Martin Cramer

Enno-Martin Cramer wurde 1986 in Hamburg geboren.

Er studierte in Hamburg und Dresden Volkswirtschaftlehre, Philosophie und Politikwissenschaft.

Vor allem beobachtet und reflektiert er das Geschehen im Finanzmarkt und zu Unternehmensentwicklungen seit Oktober 2015 für unsere Redaktion.

Cramer beschäftigt sich aber auch intensiv mit der Landes- und Kommunalpolitik.

Webseite: www.hessen-depesche.de/show/author/49-enno-martin-cramer.html
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