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Publiziert in Frankfurt und Taunus

Viel AfD bei wenigen Gegendemonstranten

Hausen v.d.H.: André Poggenburg trifft sogar im hessischen Taunus den Ton des Publikums

Donnerstag, 31 August 2017 20:59 geschrieben von 
In Hausen vor der Höhe organisierte die AfD eine Wahlkampfveranstaltung mit André Poggenburg In Hausen vor der Höhe organisierte die AfD eine Wahlkampfveranstaltung mit André Poggenburg Quelle: HESSEN DEPESCHE

Hausen vor der Höhe - Wer allen Ernstes vom AfD-Politiker André Poggenburg eine nüchterne Bestandsaufnahme über die Strategie-Fähigkeit der AfD und ihre künftigen Koalitionsoptionen erwartet hatte, der sah sich bestätigt. Die Rede des Oppositionsführers im sachsen-anhaltinischen Landtag war merkwürdig wahlkampfuntypisch: Sie zerschlug alle öffentlich-rechtlich-medialen Schablonen, die ihn als ideologisch überhitzten Kobold darstellen wollen, der mit teppichbeißerischer Rhetorik die "jungen Männer am rechten Rand" fischt.

Stattdessen versuchte er den 90 Zuhörern in der äußerst gepflegten Pizzeria "Zum Bürgerhaus" in Hausen nahezulegen, dass Koalition oder Nicht-Koalition keine Frage von "einem Schritt nach rechts mehr oder weniger" sei, sondern letztlich viel stärker im Machtinteresse möglicher Koalitionspartner liegen, als viele seiner Parteifreunde dies wahrnähmen.

Die Argumentation wirkte stimmig, passte aber überhaupt nicht zu dem Bild des Fundamentaloppositionellen, wie es von etablierten, aber auch alternativ-rechten Medien gezeichnet wird. Dieser andere Poggenburg gehörte zu den aufschlussreichsten Erfahrungen dieses Abends. Eine weitere bestand in dem Hinweis auf eine Enquête-Kommission "Linksextremismus", bei der laut Redner 90 Prozent der Unionsabgeordneten des Landesparlamentes Sachsen-Anhalt zugestimmt hätten.

André Poggenburg | Quelle: HESSEN DEPESCHE
André Poggenburg
Quelle: HESSEN DEPESCHE

 

Natürlich gab es auch aufrüttelnde Pointen ("Und das soll wertvoller als Gold sein?"), aber ansonsten blieb der Autor der "Erfurter Resolution" von 2015 eher typisch heiter-ruhig, ja bisweilen ernst - seiner selbst für mitteldeutsche Verhältnisse urkomischen Dialektfärbung zum Trotz.

Ganz anders seine Vorrednerin: Die Direktkandidatin des Wahlkreises Rheingau-Taunus-Limburg, Christine Anderson, bewies eine massive Verbesserung ihrer Rhetorik seit ihrem Auftritt im Frühling mit Björn Höcke in der Stadthalle von Taunusstein. Ihre DDR-Vergangenheit, die sie mit Poggenburgverbindet, spann sie zum Leitmotiv ihrer Rede. Diese trug einen dezidiert rechtsliberalen Charakter, stellte den gegenwärtigen Vorstoß der blauen Partei als einen Kampf um Deutschlands Freiheit ins Zentrum. Deutschland den Deutschen? "Ja himmelherrgottnochmal, WEM DENN SONST?" Selbst ihre dauerakzentuierte Dampfhammerintonation passte zu ihrer wütenden, aber bodenständigen Wahlkampfsuada. Noch besser passte beim Thema Netzwerkuntersuchungsgesetz ihre Schlussreferenz auf Thomas Jefferson: "Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt." Ein Schulterblick auf einem der tausend Titanen des Abendlandes. Königsdisziplin bravourös gemeistert!

Titanenfurcht wollte bei den Heimkehrern angesichts von zwanzig Gegendemonstranten nicht aufkommen. "Nazis blockieren, bevor sie appearen", so eines der Transparente. Eine sprachhybride Missgeburt, die mehr müdes Lächeln als wütenden Widerspruch hervorrief. "Naja, sie erledigen ihre demokratische Pflicht und bleiben friedlich. Das ist dann ja irgendwie in Ordnung", so der 76jährige Fosvoronatius P. aus Mainz.

Der Widerstand gegen diese AfD-Veranstaltung hielt sich in Grenzen | Quelle: HESSEN DEPESCHE
Der Widerstand gegen diese AfD-Veranstaltung hielt sich in Grenzen
Quelle: HESSEN DEPESCHE

 

Letzte Änderung am Donnerstag, 31 August 2017 21:07
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Cornelius Persdorf

Cornelius Persdorf (Jahrgang 1985) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Redakteur. Nebenberuflich engagiert sich der Politologe als Klaviermusiker und Chorbegleiter.

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