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Interview zur Bürgermeisterwahl in Rödermark (II)

Roland Kern (Grüne): „Auf die Errungenschaften im sozialen Bereich bin ich richtig stolz“

Dienstag, 17 Januar 2017 17:45 geschrieben von 
Roland Kern (Grüne) möchte Bürgermeister von Rödermark bleiben Roland Kern (Grüne) möchte Bürgermeister von Rödermark bleiben Quelle: Roland Kern, HESSEN DEPESCHE

Rödermark – Seit fast zwölf Jahren amtiert der Jurist Roland Kern als grüner Bürgermeister in Rödermark. Nun tritt er nochmal an – allerdings mit einer selbst auferlegten Begrenzung seiner Amtszeit von zwei Jahren. Politische Mitbewerber haben versucht, dies weidlich auszuschlachten und für ihre Zwecke zu nutzen. Mitunter war gar von einer Verlegenheitslösung der Grünen die Rede. Kern selbst hat freilich eine ganz andere Begründung für seinen Schritt. HESSEN DEPESCHE hat darüber mit Rödermarks Bürgermeister gesprochen, ihn gebeten, Bilanz zu ziehen und seine Vorstellungen für ein Zusammenleben in der Stadt zu präsentieren.

HESSEN DEPESCHE: Herr Kern, Sie treten am 5. Februar erneut zur Bürgermeisterwahl in Rödermark an, haben jedoch angekündigt, das Amt nur bis zur Hälfte der Legislatur fortführen zu wollen. Fürchten Sie nicht, dass Ihnen dadurch ein Nachteil entstehen könnte? Schließlich könnte sich ja mancher denken: Warum soll ich jemanden wählen, der nur zwei Jahre im Amt bleiben möchte? Da wähle ich doch lieber jemanden, der die volle Amtszeit durchmacht.

Roland Kern: Solche Gedanken kann ich natürlich nachvollziehen, denn was ich vorschlage, ist nicht alltäglich. Allerdings: Ich habe das den Wählerinnen und Wählern erklärt. Ich möchte bewirken, dass die Amtszeiten der beiden Hauptamtlichen (Bürgermeister und Erster Stadtrat), die aus unterschiedlichen Gründen derzeit um zwei Jahre auseinanderfallen, wieder in Übereinstimmung gebracht werden. So war es 25 Jahre lang seit Beginn der Stadt Rödermark und so sollte es auch wieder sein. Auf diese Weise kann am ehesten eine Balance der politischen Kräfte bewerkstelligt werden. Wenn es bei dem verschobenen Rhythmus bleibt und der Kandidat der CDU gewählt wird, hätte diese Partei mit 39,5 Prozent alle Schlüsselpositionen besetzt (Bürgermeister, Erster Stadtrat, Stadtverordneten-vorsteher). Das wollen die Leute nicht. Außerdem: Der Kandidat der CDU will seine Amtszeit in Eppertshausen von 18 auf 14 Jahre verkürzen, ohne dies der Bevölkerung so gesagt zu haben. Ich mache den Vorschlag, meine Amtszeit von 12 auf 14 Jahre zu verlängern, indem ich es den Wählerinnen und Wählern vorher sage.

HESSEN DEPESCHE: Wenn Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurückblicken: An welchen drei Punkten konnten Sie die wichtigsten Impulse für Rödermark setzen – und was hätte man vielleicht besser machen können?

Roland Kern: Auf die Errungenschaften im sozialen Bereich bin ich richtig stolz. In der Kinderbetreuung (0-3 Jahre, 3-6 Jahre und Grundschulkinder) nehmen wir einen Spitzenplatz im Kreis Offenbach ein. Für Senioren und Behinderte haben wir Einrichtungen geschaffen, an die vor 12 Jahren noch niemand gedacht hat: Seniorenresidenz am Badehaus, Pflegestift Artemed, Franziskushaus mit Demenz-WG, Seniorenpark Eichenhof, Behindertenwohnanlage „Wilhelm-Thomin-Haus“ in der Erikastraße. Das hätte man kaum besser machen können.

In der Odenwaldstraße entstehen auf einer ehemals verseuchten Gewerbefläche 14 Reihenhäuser und 129 Wohnungen in Bahnhofsnähe; an der Kapellenstraße (ehemals Paramount-Park) sind die Verträge für ein ähnliches Projekt mit 70 Wohnungen unterzeichnet und die Planverfahren eingeleitet. Also: „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ haben wir sehr ernst genommen und umgesetzt.

Mit dem Leitbildprozess und den konkreten Projekten („Der Mensch im Mittelpunkt – die Wirtschaft als Grundlage“) haben wir eine bürgerschaftliche und unternehmerische Aktivität in Gang gesetzt, die im weiten Umkreis ihresgleichen sucht. Diese Mitwirkung der Stadtgesellschaft an den öffentlichen Angelegenheiten hat mittlerweile eine Normalität erreicht, dass sie in ihrer Dimension bisweilen unterschätzt wird.

HESSEN DEPESCHE: Die Unterbringung und Integration von Migranten ist auch in Rödermark ein wichtiges Thema. Sehen Sie die Stadt in dieser Hinsicht gut aufgestellt?

Roland Kern: Absolut. Wir haben in unseren fünf Gemeinschaftsunterkünften derzeit 222 Flüchtlinge untergebracht, in 48 Einzelwohnungen, davon 38 privat (!), insgesamt 137. Wir haben damit das uns vom Kreis zugewiesene Aufnahmekontingent um 65 Personen übererfüllt. Das bedeutet, dass mit weiteren Zuweisungen in nennenswerter Höhe derzeit nicht zu rechnen ist. Auch personell ist unsere Verwaltung gut aufgestellt, nicht zuletzt dank der Mithilfe von über 100 Ehrenamtlichen.

HESSEN DEPESCHE: Bei Teilen der hessischen CDU, mit der Ihre Grünen auf Landesebene, aber auch in Rödermark koalieren, hat man den Eindruck, dass sie sich – sicherlich auch unter dem Eindruck der Wahlerfolge der AfD – in der Flüchtlingsfrage eher an der bayerischen Schwester CSU als an Angela Merkel orientieren. An die Grünen ergeht von dieser Seite dann oftmals der Vorwurf der „Multikulti-Schwärmerei“. Fühlen Sie sich da auch angesprochen?

Roland Kern: Überhaupt nicht. Zum einen hat für mich das Wort „Multikulti“ nicht den Ihrer Frage innewohnenden negativen Beigeschmack. Zum anderen lasse ich den Begriff der Schwärmerei nur in Bezug auf meine Frau gelten.

HESSEN DEPESCHE: Ist Rödermark im Kita- und Schulbereich Ihrer Ansicht nach gut aufgestellt? Oder anders gefragt: Ist es sichergestellt, dass dem Bedarf an Plätzen in den kommenden Jahren nachgekommen werden kann?

Roland Kern: Ja. Wir bauen im neuen Baugebiet An der Rodau (ehem. Festplatz Ober-Roden) eine Ersatzeinrichtung für die Kita Motzenbruch mit zusätzlicher Krabbel-gruppe (U3); außerdem werden wir – ganz aktuell – in der neuen Wohnanlage Odenwaldstraße eine zusätzliche Einrichtung erhalten, um dem erfreulichen Kinderzuwachs Rechnung tragen zu können.

HESSEN DEPESCHE: Die Stadt Rodgau wirbt mit einem für die Eltern kostenlosen Kita-Besuch. Ist das ein Modell, das auch für Rödermark wünschenswert und finanzierbar wäre?

Roland Kern: Ja, aber bitteschön landesweit! Von Insellösungen halte ich überhaupt nichts.

HESSEN DEPESCHE: Die Gehaltsnachzahlung, die eine Erzieherin aus Rödermark vor dem Arbeitsgericht am Amtsgericht Offenbach erstritten hat, könnte die Stadt mehrere Hunderttausend Euro kosten, sollten die 120 Erzieherinnen und Erzieher in den städtischen Kitas diesem Beispiel folgen. Seitens der SPD und der FDP wurden infolge des Urteils auch Vorwürfe gegen Sie erhoben. Sie haben inzwischen Berufung eingelegt. Was aber, wenn die nächste Instanz das Urteil bestätigt? Den gerade erst beschlossenen Doppelhaushalt kann man dann doch über den Haufen werfen.

Roland Kern: Offensichtlich sind auch Sie der Skandalisierungsstrategie der ehrenwerten Opposition auf den Leim gegangen. Es handelt sich um – vermeintliche – (und vom Arbeitsgericht um den Faktor 3 zu hoch errechnete) Ansprüche aus den Jahren 2015 und 2016, die aus Überschüssen finanziert werden könnten und mit dem Doppelhaushalt 2017/18 überhaupt nichts zu tun haben. Die Nebenabrede, um die es geht, wurde vorsorglich zum Ende des Jahres 2016 widerrufen. Niemand braucht mehr eine Klage zu erheben. Wir wollen gerecht sein. Mit dem Widerruf haben wir allen Erzieher/-innen mitgeteilt, dass wir eine Nachberechnung vornehmen, sollte das Landesarbeitsgericht hierzu eine allgemeingültige Feststellung treffen.

HESSEN DEPESCHE: Abschließend bleibt noch die Frage, wie Sie sich Ihre politische Zukunft vorstellen, sollten Sie am 5. Februar nicht wiedergewählt werden?

Roland Kern: Ich bin ein Homo politicus und werde das immer bleiben.

HESSEN DEPESCHE: Herr Kern, wir danken Ihnen für das Gespräch


Zur Person: Roland Kern wurde am 3. November 1947 in Urberach geboren. Nach der Schulzeit und dem Abitur am Goethe-Gymnasium in Dieburg leistete er von 1967 bis 1968 seinen Wehrdienst ab und wurde 1970 als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Von 1969 bis 1973 studierte er Jura in Frankfurt am Main und war danach Rechtsreferendar beim Landgericht Darmstadt. Im April 1976 erhielt er seine Zulassung als Rechtsanwalt und war in diesem Beruf bis 2005 tätig. Politisch engagierte sich Kern von 1971 bis 1980 für die Initiative für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum (Gruppe Y) und war unter anderem an der Gründung des Alternativen Zentrums Rödermark und der später mit den Grünen fusionierten Anderen Liste Rödermark (AL) beteiligt. Von April 1981 bis Mai 2005 war Kern Stadtverordneter der Stadt Rödermark, zuletzt als Fraktionssprecher, von Dezember1982 bis April 1985 Vizepräsident des Hessischen Landtags und von 1985 bis April 1987 Politischer Geschäftsführer der Landtagsgruppe der Grünen in Hessen. Von 1991 bis 1998 gehörte der Jurist außerdem dem Staatsgerichtshof des Landes Hessen (Landesverfassungsgericht) an. Seit 1. Juni 2005 amtiert er als Bürgermeister der Stadt Rödermark.

 

Letzte Änderung am Freitag, 10 Februar 2017 15:21
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Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

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