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Publiziert in Interview

Interview zur Bürgermeisterwahl in Rödermark (I)

Samuel Diekmann (SPD): „Eine Kita ist ein Bildungs-, kein Betreuungsangebot – und muss daher gebührenfrei sein“

Dienstag, 17 Januar 2017 05:53 geschrieben von 
Samuel Dieckmann (SPD) möchte Bürgermeister von Rödermark werden Samuel Dieckmann (SPD) möchte Bürgermeister von Rödermark werden Quelle: Samuel Dieckmann, HESSEN DEPESCHE

Rödermark – Samuel Diekmann ist nicht nur Mitglied der SPD, sondern auch Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion in der Rödermärker Stadtverordnetenversammlung. Dennoch präsentiert sich der 35-jährige Pastor einer freikirchlichen Gemeinde in Dietzenbach, Geschäftsführer der von ihm gegründeten Redneragentur „rent-a-pastor.com“ undverheiratete Vater von drei Kindern – seinem Amtsverständnis entsprechend – als „überparteilicher Kandidat“ für die Bürgermeisterwahl in Rödermark. HESSEN DEPESCHE hat mit Samuel Diekmann über seine kommunalpolitischen Vorstellungen gesprochen.

HESSEN DEPESCHE: Herr Diekmann, Sie treten als Kandidat zur Bürgermeisterwahl in Rödermark an. Welches sind die drei Hauptpunkte, mit denen Sie die Wählerinnen und Wähler auf Ihre Seite ziehen wollen? 

Samuel Diekmann: Erstens: Ansiedlung neuer, guter mittelständischer Unternehmen: Dazu möchte ich einen ehrenamtlichen Wirtschaftsbeirat ins Leben rufen und zusammen mit den Ergebnissen des gerade erarbeiteten Rödermarkplanes eine Strategie zur Ansiedlung neuer mittelständischer Unternehmen in die Wege leiten. Dazu braucht es sicherlich auch einige neue Gewerbeflächen. Entwicklung und Nachhaltigkeit – auch Naturschutz – sollen sich dabei nicht widersprechen. Auch für junge Unternehmen möchte ich weiter meine Expertisen als Startup-Berater und Mentor mit einbringen und in unserer Stadt mit einigen Partnern aus der Wirtschaft ein Startup-Hub (Gründerzentrum) gründen. Die so generierten Mehreinnahmen bei den Gewerbesteuereinnahmen sollen in soziale Projekte und Schuldenabbau fließen. Zweitens: Ansiedlung neuer, junger Familien: Laut Prognosen gibt es bis mindestens 2030 einen starken Druck auf unseren Wohnungsmarkt. Ich möchte unsere vorhandenen Flächen nutzen und dabei tendenziell nicht weiter nach außen, sondern mit den Stadtteilen perspektivisch zusammenwachsen. Dafür müssten wir Bauflächen tauschen und zusammenlegen – diese Vorgehensweise ist auch viel kostengünstiger in der Baulandentwicklung. Zwei Drittel der zukünftigen Bauflächen sollten für hochwertigen Wohnraum und ein Drittel für bezahlbaren Wohnraum für Singles, junge Familien und Senioren ausgeschrieben werden. Auch zugegeben sehr langfristige Antworten auf Fragen wie „Wollen wir weiter fünf Rathäuser, zwei Feuerwehrstandorte usw. haben oder ein gemeinsames Zentrum anstreben?“ gehören hier beantwortet. Drittens: Kostenlose Kitas: Kitas sind kein Betreuungs-, sondern ein Bildungsangebot und gehören damit gebührenfrei! Das bleibt mein langfristiges Ziel. Mittelfristig möchte ich Geringverdiener bei den Gebühren entlasten. 

HESSEN DEPESCHE: Sie sind ja Mitglied der SPD und als solcher auch Fraktionsvorsitzender in der Rödermärker Stadtverordnetenversammlung. Auf Ihren Wahlplakaten und den sonstigen Druckerzeugnissen treten Sie aber nicht als Sozialdemokrat, sondern überparteilich auf. Warum? 

Samuel Diekmann: Als mich meine Partei gefragt hatte, ob ich bereit dazu wäre, für sie als Bürgermeister zu kandidieren, da habe ich dies nur unter der Bedingung zugesagt, dass ich mich im Wahlkampf als überparteilicher Kandidat präsentieren würde. Ein Bürgermeister muss bei seinem Amtseid auch genau das geloben: Überparteilichkeit! Eine Bürgermeisterwahl ist keine Parteienwahl, sondern eine Persönlichkeitswahl – das ist der Grund und mein Selbstverständnis für dieses Amt aller Bürger. 

HESSEN DEPESCHE: Sie sind ja noch relativ neu im politischen „Geschäft“. Der grüne Amtsinhaber Roland Kern, aber auch Carsten Helfmann von der CDU, der als Bürgermeister in der benachbarten Gemeinde Eppertshausen amtiert, haben hingegen einen gewissen Erfahrungsbonus im Bereich der öffentlichen Verwaltung vorzuweisen. Was können Sie dem entgegensetzen? 

Samuel Diekmann: Der Neue zu sein, ist in meinen Augen ein Vorteil! Ich bringe eben nicht die typische Perspektive eines Politikers, sondern die eines Unternehmers und Pastors – beides mein Beruf – mit ins Amt. Ich kenne die Stadt als ihr Bürger seit über zehn Jahren sehr gut, liebe meine Stadt und möchte Verantwortung für sie übernehmen. Ich glaube, ein wenig frischer Wind tut unserem Rathaus ganz gut. Des Weiteren habe ich politisch sehr wohl schon einige Erfahrungen sammeln können: 2011 bis 2014 als Schriftführer im Parteiortsverein, seit 2014 als stellvertretender Vorsitzender des Parteiortsvereines, seit 2016 als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und SPD-Fraktionsvorsitzender und in dieser Funktion stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher. Außerdem bin ich Mitglied des Ausschusses Familie, Soziales, Integration und Kultur, des Ausschusses Bau, Umwelt, Stadtentwicklung und Energie, des Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsförderungsausschusses sowie der Betriebskommission EB „Kommunale Betriebe Rödermark“. Trotzdem habe ich mir die Frische des Neuen in den letzten Jahren erhalten. 

HESSEN DEPESCHE: Die Unterbringung und Integration von Migranten ist auch in Rödermark ein wichtiges Thema. Sehen Sie hier in den vergangenen Monaten Versäumnisse – und falls ja, was möchten Sie als Bürgermeister besser machen? 

Samuel Diekmann: Es wurden neben einigen gebündelten Unterkünften viele dezentrale Lösungen in Rödermark breit im Stadtgebiet verteilt geschaffen. Das war sehr gut – und hierverdienen unsere Verwaltung und nicht zuletzt die Bürger, die ihre Immobilien dafür zur Verfügung gestellt haben, Lob und Anerkennung. Wir dürfen nicht vergessen, dass niemand auf diese Ereignisse wirklich vorbereitet war und alle kommunalen Verwaltungen von einem Tag auf dem anderen fast Unmögliches geleistet haben. Auf der anderen Seite bleibt in meinen Augen ein dicker Kritikpunkt: Man muss mit den Bürgern – gerade bei Großunterkünften – vor deren Errichtung reden und nicht – wie in unserer Stadt geschehen – danach! Das war ein wirklicher Fehler und darf sich so nicht wiederholen. Wir dürfen hoffen, dass die ganz großen Flüchtlingszahlen Vergangenheit sind, aber ich werde Bürger auch in anderen schwierigen Fragen von Anfang an einbinden und sie nicht vor vollendete Tatsachen stellen und dann hinterher mit ihnen reden. Da habe ich ein anderes Politikverständnis. 

HESSEN DEPESCHE: Sie engagieren sich als Pfarrer einer freikirchlichen Gemeinde aktiv im Bereich des interreligiösen Dialogs. Ihr Parteivorsitzender Sigmar Gabriel hat nun angesichts der Terroranschläge des letzten Jahres zum „kulturellen Kampf“ gegen den Islamismus aufgerufen und damit für ihn eher ungewohnte Töne angeschlagen. Ist das der Stil, in dem auch Sie diese brisante Frage behandelt sehen möchten? 

Samuel Diekmann: Wir haben in unserer Kirche jeden Sonntag bis zu 90 Flüchtlinge zu Gast und hier sogar einen eigenen Nachmittagsgottesdienst in deutsch/persischer Sprache eingerichtet. Ich durfte in den letzten Jahren viele Flüchtlinge kennenlernen und habe festgestellt, dass es solche und solche gibt! Solche, für die ich meine Hände ins Feuer legen würde, Menschen die dankbar, fleißig und engagiert sind und dieses Land mit unseren Freiheiten als Chance für ihr Leben begreifen. Und auf der anderen Seite Menschen, wo ich nur mit dem Kopf schütteln konnte. Das waren Menschen, die nur die Hand aufgemacht und das mit einer wirklich schrecklichen inneren Haltung getan haben. Weiter will ich das nicht kommentieren. Auch – und das war das Allerschlimmste – habe ich einige meiner neuen Kirchenmitglieder im Krankenhaus besuchen müssen. Einmal wurde eine ganze Familie, auch einen alte Frau, von einem Mob in der Flüchtlingsunterkunft zusammengeschlagen, weil sie Christen geworden waren. So etwas geht nicht! Ich habe Ihnen von beiden Begegnungen erzählt, weil es „die Flüchtlinge“ eben nicht gibt – als Demokraten müssen wir jeden Fall einzeln betrachten. Dort, wo Menschen in Not sind und sich auf uns einlassen, dort müssen wir unsere Grenzen und Herzen durchgängig lassen. Dort, wo Menschen aus anderen Gründen kommen und unsere Werte und Freiheit im tiefsten Inneren verachten, dort müssen wir selbstbewusst unsere Werte und Freiheit verteidigen und durchsetzen. Auch aus dem interreligiösen Dialog heraus haben sich diese Beobachtungen für mich bestätigt. Der Islam darf nicht unser Feind sein, Islamismus sehr wohl! 

HESSEN DEPESCHE: Sie sind selber Familienvater und wissen, dass für Familien mit Kindern die Verfügbarkeit von Kita- und Schulplätzen auf der Prioritätenliste ganz oben steht. Am Anfang haben Sie ja bereits für einen kostenlosen Kita-Besuch plädiert. Ist Rödermark ansonsten gut aufgestellt – oder gibt es aus Ihrer Sicht Verbesserungsbedarf? 

Samuel Diekmann: Ich bin seit 13 Jahren verheiratet, wir haben drei Kinder und alle waren auf Rödermärker Kitas. Außerdem war meine Frau selber als Erzieherin in Rödermark als Integrationskraft von einem schwerstbehinderten Kind tätig, musste dieses Kind tragen, intensiv betreuen und wurde von dem Kind – das auch stark verhaltensauffällig war – teilweise geschlagen. Trotzdem wurde sie genauso bezahlt wie alle anderen Kollegen auch. Das geht nicht! Integrationskräfte gehören besser bezahlt. Zweitens braucht es auch eine Flexibilisierung, z.B. ein Dazubuchen von Nachmittagsangeboten. In meinem Wahlprogramm greife ich drittens auch Grundsätzliches auf: Eine Kita ist ein Bildungsangebot und kein Betreuungsangebot. Damit gehören die Kosten vom Land übernommen und Kitas für Eltern in der Kommune gebührenfrei. Dafür werde ich mich weiter einsetzen. Bis es soweit ist, möchte ich Eltern im unteren Einkommensbereich entlasten. 

HESSEN DEPESCHE: Sie fordern in Ihrem Wahlprogramm, wie eingangs bereits erwähnt, die Etablierung eines ehrenamtlichen Wirtschaftsbeirats, der sich um neue Gewerbeansiedlungen kümmern soll. Wie sollte sich ein solches Gremium zusammenzusetzen und was wollen Sie als Bürgermeister sonst noch tun, um Rödermark als Wirtschaftsstandort voranzubringen? 

Samuel Diekmann: Wir haben in unserer Stadt viele Bürger, die zum Teil in aktiennotierten, globalen Unternehmen im oberen Management gearbeitet haben, erfolgreiche Unternehmer und Buissnessangels. In Begegnungen mit diesen Menschen haben es mir viele so gesagt: „Herr Diekmann, ich habe heute viel Zeit und noch viel zu geben, ich würde meine Knowhow der Stadt kostenlos zu Verfügung stellen.“ Wir wären dumm, wenn wir dieses Angebot nicht annehmen würden! Genau diese Menschen – Menschen im Ruhestand und aktive – möchte ich in einem ehrenamtlichen Wirtschaftsbeirat sammeln und gemeinsam mit ihnen und unserer Wirtschaftsförderung einen Wirtschaftsplan entwickeln. Dabei gehören Fragen geklärt wie: Wen wollen wir hier überhaupt haben (unser Rödermark im Grünen eignet sich bestimmt nicht für die großen Hallen wie z.B. in Eppertshausen oder die große Industrie)? Wie bekommen wir diese Unternehmen zu uns? Was brauchen wir dafür? Und so weiter. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir hier sehr viel zu bieten hätten und unsere Stadt mit guten, mittelständischen Unternehmen aufwerten könnten – und dadurch nicht nur attraktiver Wohnort, sondern auch Arbeitsort werden können. Ich möchte mich dabei noch einmal wiederholen: Entwicklung und Nachhaltigkeit müssen dabei kein Widerspruch sein. Wir können Beides haben. 

HESSEN DEPESCHE: Abschließend bleibt noch die Frage, welches persönliche Wahlziel Sie sich für den 5. Februar gesteckt haben?

Samuel Diekmann: Ich glaube, wir haben einige gute und starke Kandidaten in Rödermark beziehungsweise aus unserer Nachbarkommune, die sich bei uns um das Amt als Bürgermeister bewerben. Mein erstes Ziel ist es daher, in die Stichwahl zu kommen und am 19.02. dann zum neuen Bürgermeister meiner Heimatstadt gewählt zu werden. 

HESSEN DEPESCHE: Herr Diekmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Zur Person: Samuel Diekmann wurde 1981 in Leer/ Ostfriesland geboren. Nach seiner Schulausbildung absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Industriemechaniker – auf Wunsch seiner Eltern, wie er sagt: „Damit ich einen richtigen Beruf lerne.“ Während dieser Zeit war er auch als Jugend- und Auszubildendenvertreter der IG Metal aktiv. An seine Ausbildung schloss sich von (…) bis (…) ein Studium der evangelischen Theologie an. Seit Oktober 2008 ist Diekmann ordinierter Pastor im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden und leitet eine Gemeinde in Dietzenbach. 2013 gründete er zudem als Startup-Unternehmer die Agentur „rent-a-pastor.com“, die unter anderem Redner verschiedener Sprache für Hochzeitszeremonien in Deutschland, Österreich und der Schweiz anbietet. Der SPD trat er 2011 bei, seit 2014 ist er stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Rödermark, seit 2016 Mitglied der Rödermärker Stadtverordnetenversammlung und dort Vorsitzender der SPD-Fraktion. Samuel Diekmann ist verheiratet und hat drei Kinder: Weitere Informationen auf seiner Homepage unter www.samuel-diekmann.de.

Letzte Änderung am Freitag, 10 Februar 2017 15:22
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Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

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