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Publiziert in Interview

Interview zur Bürgermeisterwahl in Rödermark (IV)

Tobias Kruger (FDP): „Multi-Kulti ist eine Ergänzung und darf bestehendes Kulturgut nicht verdrängen“

Mittwoch, 25 Januar 2017 03:44 geschrieben von 
Tobias Kruger (FDP) möchte Bürgermeister von Rödermark werden Tobias Kruger (FDP) möchte Bürgermeister von Rödermark werden Quelle: Tobias Kruger

Rödermark – Neben wirtschaftlicher Nachhaltigkeit ist die innere Sicherheit ein großes Thema für Tobias Kruger, den Kandidaten der FDP zur Bürgermeisterwahl in Rödermark. Der mit 37 Jahren zweitjüngste Herausforderer von Amtsinhaber Roland Kern, der vor einiger Zeit noch das Parteibuch der CDU in der Tasche hatte, bezeichnet sich selbst als „Multi-Kulti-Kandidat“, da er neben der deutschen auch die schweizerische und die französische Staatsbürgerschaft besitzt. Nichtsdestotrotz ist er ein scharfer Kritiker der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung unter Angela Merkel. HESSEN DEPESCHE hat Tobias Kruger befragt, mit welchen Standpunkten er es schaffen will, am 5. Februar 2017 als zweiter Liberaler nach Dr. Daniell Bastian (Seligenstadt) ein Rathaus im Kreis Offenbach zu erobern.

HESSEN DEPESCHE: Herr Kruger, Sie treten als Kandidat der FDP zur Bürgermeisterwahl in Rödermark an. Welches sind die drei Hauptpunkte, mit denen Sie die Wählerinnen und Wähler auf Ihre Seite ziehen wollen? 

Tobias Kruger: Sicherheit: Die sicherheitspolitische Lage hat sich weltweit und speziell seit eineinhalb Jahren in Deutschland und Europa sehr stark verändert. Die Menschen fühlen sich unsicherer – untrüglich lässt sich das z.B. an den Verkaufszahlen für Pfeffersprays oder den massiv angestiegenen Anträgen auf den sogenannten „Kleinen Waffenschein“ ablesen. Diese Ängste muss die Politik ernst nehmen und sehr viel ernster nehmen, als sie es auf allen Entscheidungsebenen bisher tut. Hierzu gehört in Rödermark für mich neben einem umfassenden Sicherheitskonzept auch die Schaffung einer ständigen Polizeipräsenz mit dem Ziel der Wiedereinführung der eigenen Polizeistation. Dazu ein Mehr an Beleuchtung im Öffentlichen Raum und insbesondere auf öffentlichen Plätzen sowie der weitere Ausbau der Videoüberwachung – die Erfahrungen damit an den Bahnhöfen und der klare Wunsch der Bevölkerung (Sicherheitsumfrage) sprechen eine deutliche Sprache. Ich fühle mich der Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in ganz besonderer Weise verpflichtet. 

Ende des Stillstands: Seit 2005 herrscht faktisch in Rödermark Stillstand – Stillstand, der in der schnelllebigen modernen Zeit schnell zum aktiven Rückschritt wird und auch wurde. Statt Ideen, Kreativität und Mut zu Visionen wurde bloß gehandelt und gemacht, was sich gar nicht mehr verhindern ließ oder sowieso gemacht werden musste. Das ist nicht mein Politikstil – ich möchte die Zukunft Rödermarks aktiv gestalten und mir nicht fast ausschließlich von äußeren Einflüssen vordiktieren lassen. Mir ist klar, dass viele Menschen in unserem Land Veränderungen skeptisch gegenüberstehen und am liebsten dauerhaft den Status Quo bewahren möchten. In der globalisierten und technisierten Welt ist dies erstens objektiv nicht möglich und zweitens auch klar eine vertane Chance, denn eine gemeinsam politisch gestaltete Zukunft bietet schlussendlich vielmehr Absehbarkeit und Sicherheit, als ständiges Fahren auf Sicht ohne Plan und echtes Ziel. 

Bürgerbeteiligung auf Augenhöhe: Zukunft und Entwicklung dürfen den Bürgerinnen und Bürgern nicht politisch aufgedrückt werden. Es muss schnellstmögliche eine echte Bürgerbeteiligung etabliert werden, denn das, was bisher in Rödermark als „Bürgerbeteiligung“ verkauft wurde, kann im wohlwollendsten Sinne höchstens als kleindimensionale Bürgeranhörung bezeichnet werden und gewiss nicht als echte Beteiligung am politischen Prozess. Ein politisches Projekt gewinnt maßgeblich an Gewicht und Akzeptanz, wenn die Bürger vorab ernsthaft und auf Augenhöhe mitgenommen, sensibilisiert und eingebunden worden. Insbesondere die moderne Technik eröffnet hier viele Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung, wobei keine Technik jemals das persönliche Gespräch wird ersetzen können. Also mehr informieren, sensibilisieren und mitnehmen auf Augenhöhe statt „Regieren“ nach Manier des Sonnenkönigs. 

HESSEN DEPESCHE: Die FDP stellt in Hessen nur wenige Bürgermeister. Eine Ausnahme im Landkreis Offenbach ist Seligenstadt, wo es mit Dr. Daniell Bastian einen liberalen Rathauschef gibt. Haben Sie sich von seinem Beispiel inspirieren lassen? 

Tobias Kruger: Ich kenne und schätze Dr. Bastian schon seit einigen Jahren und habe daher auch gerne bei seinem Wahlkampf mitgeholfen. Sein großartiger Erfolg bei der Bürgermeisterwahl hat natürlich einen inspirierenden Effekt gehabt, aber jede Bürgermeisterwahl ist völlig anders und nicht vergleichbar – ausgehend von der eigenen Person, der Kandidatenlage insgesamt und vor allem auch der politischen Gemengelage und Historie im eigenen Ort. Ganz klar würde es mich sehr freuen und wäre mir eine große Ehre, den zweiten Bürgermeisterstuhl in einem Rathaus im Kreis Offenbach als Liberaler zu übernehmen. 

HESSEN DEPESCHE: Sie werben damit, als Besitzer dreier Staatsbürgerschaften der einzige „Multi-Kulti-Kandidat“ zur Bürgermeisterwahl zu sein. Können Sie uns etwas mehr zu dem Hintergrund dieser Multinationalität verraten und erläutern, welchen Einfluss dies auf ihre politische Arbeit hat? 

Tobias Kruger: Ich habe ab Geburt aufgrund familiärer Konstellation die deutsche, französische und Schweizer Staatsbürgerschaft. Was im Alltag kaum eine praktische oder rechtliche Bedeutung hat, bedeutet für mich persönlich aber immer Antrieb, die bereichernden Aspekte der anderen Nationalitäten in meinen Alltag und mein politisches Wirken einfließen zu lassen. Dabei vor allem das französische „Savoir Vivre“ mit einer Portion Gelassenheit und natürlich das Schweizer Streben nach Präzision. Allgemein sehe ich im Projekt „Multi-Kulti“ nach wie vor eine Chance in der Form, dass auf dem Boden der deutschen Kultur, unserer Werteordnung und der Gesetze durch neue kulturelle Einflüsse eine Bereicherung des Zusammenlebens in der globalisierten Welt stattfinden kann. Wichtig ist hierbei, dass „Multi-Kulti“ eine Ergänzung und Bereicherung ist und nicht bestehendes Kulturgut verdrängen soll oder darf; falsch verstandene Toleranz und politisch korrekte völlige Kritiklosigkeit gegenüber allem und jedem ist nicht „Multi-Kulti“ und hat maßgeblich zum Scheitern – erstmal – desselben beigetragen. 

HESSEN DEPESCHE: Die Unterbringung und Integration von Migranten ist auch in Rödermark ein wichtiges Thema. Sehen Sie hier in den vergangenen Monaten Versäumnisse – und falls ja, was möchten Sie als Bürgermeister besser machen? 

Tobias Kruger: Hier konnte Rödermark aufgrund der von anderer Stelle zu verantwortenden, absolut falschen, chaotischen und z.T. rechtsgrundlosen Entwicklungen in den vergangenen eineinhalb Jahren fast nur reagieren, denn die völlige Unabsehbarkeit der Vorgänge und Entwicklungen ließ ein echtes vorausschauendes Planen und Steuern für alle Kommunen nur sehr bedingt zu. Dennoch hätte ich mir vor allem eine viel frühere und bessere Einbindung der Bürgerinnen und Bürger, insbesondere der späteren Anlieger von Gemeinschaftsunterkünften, gewünscht – und diese wäre auch machbar gewesen. Wie ich schon sagte, lebt die Akzeptanz politischer Prozesse und Entscheidungen maßgeblich von der frühzeitigen Information, Sensibilisieren und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger auf Augenhöhe. Hier wäre deutlich mehr möglich gewesen und muss in Zukunft deutlich mehr gemacht werden. Zudem hätte seitens des Bürgermeisters viel deutlichere Kritik und Erwartungshaltung gegenüber dem Kreis Offenbach formuliert und adressiert werden müssen, der sehr viel Verantwortung bei der Flüchtlingsunterbringung und -betreuung einfach auf die Kommunen „herunterdelegiert“ hat, ohne echte Kommunikation, Moderation und nachhaltige Unterstützung. Hier werde ich als Bürgermeister auf jeden Fall einen ganz anderen Ton gegenüber dem Kreis anschlagen und auch klare Forderungen an Land und Bund formulieren. Die Integration ist am Ende des Tages Aufgabe der Kommunen – dort, wo die Menschen leben und ihr Lebensumfeld haben; dennoch ist die Integration eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und darf nicht auf einzelne Gesellschaftsgruppen abgewälzt werden; beispielsweise halte ich es für einen Skandal, wenn Gesundheitskosten für Flüchtlinge aus Töpfen der gesetzlich Versicherten bezahlt werden und nicht aus allgemeinen Steuermitteln – gegen sowas werde ich mich, auch als „kleiner“ Kommunalpolitiker, weiter mit allen Anstrengungen wehren. 

HESSEN DEPESCHE: Für Familien mit Kindern steht die Verfügbarkeit von Kita- und Schulplätzen auf der Prioritätenliste ganz oben steht. Ist Rödermark hier gut aufgestellt – oder gibt es aus Ihrer Sicht Verbesserungsbedarf? 

Tobias Kruger: Hier wurde in den vergangenen Jahren in Rödermark mit viel Geld viel getan – und wir sind auf einem guten Weg. Dennoch gibt es auch hier natürlich Verbesserungsbedarf und -optionen. Ich kann es beispielsweise absolut nicht nachvollziehen warum wir am alten Festplatz in Ober-Roden eine nagelneue Kita bauen, aber gleichzeitig die alte Kita Motzenbruch, die in die neue Kita am Festplatz umzieht, als „Reserve“ behalten sollen bzw. wollen. Das alte Kita-Gebäude ist unstrittig massiv renovierungsbedürftig, und das Gelände eignet sich nach dem Umzug der Kita hervorragend für eine Wohnbebauung. Warum wird also die neue Kita am Festplatz nicht gleich entsprechend den Bedarfen an Räumen und Plätzen der nahen und mittleren Zukunft angepasst? Das ist doch allemal billiger und moderner, als ein zweites, sanierungsbedürftiges Gebäude in der Hinterhand zu halten – sowas ist doch teurer politischer Murks. Mein Fazit: Rödermark ist – auch im direkten Kreisvergleich – gut aufgestellt, aber es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, hier zum Wohle der Familien noch besser zu gestalten, zu optimieren und zu verbessern. 

HESSEN DEPESCHE: Die Stadt Rodgau und ihr Erster Stadtrat Michael Schüßler von der FDP werben mit einem für die Eltern kostenlosen Kita-Besuch. Ist das ein Modell, das auch für Rödermark wünschenswert und finanzierbar wäre? 

Tobias Kruger: „Kita-kostenlos“ ist uneingeschränkt wünschenswert und das ohne Wenn und Aber, denn Bildung fängt in frühesten Kinderschuhen an. Ich würde die Frage sogar noch ausweiten auf die Schule, denn zwar kostet der Schulbesuch per se nichts, aber wenn ich in Gesprächen höre, wieviel Material für den Unterricht die Eltern pro Schuljahr und Kind neu und wieder anschaffen müssen, darf man mittlerweile auch hier zu Recht fragen, ob das wirklich noch als kostenlos bezeichnet werden kann. Aktuell sehe ich aber leider aus finanziellen Gründen keine Möglichkeit, einen kostenlosen Kita-Besuch zu realisieren bzw. finanzieren. Zudem sehe ich die Kita als Teil der Bildungsinfrastruktur – und daher muss eine deutschlandweite Debatte darüber her, welchen Stellenwert Bildung für uns hat und wie diese in Zukunft finanziert werden soll und muss. Wieso zahlen beispielsweise die hessischen Steuerzahler im Wege des Länderfinanzausgleichs die beitragsfreien Kita-Plätze in Rheinland-Pfalz und müssen im eigenen Ort in Hessen dafür für die eigenen Kinder bezahlen? Das ist absolut lebensfern und zutiefst ungerecht. Hier gibt es viel zu tun – auch für einen Bürgermeister. 

HESSEN DEPESCHE: Sie haben am Anfang von einer veränderten sicherheitspolitischen Lage gesprochen und wollen dem mit einem neuen Sicherheitskonzept begegnen. Wie stellt sich – im Klartext – diese geänderte Lage dar, wer ist Ihrer Meinung dafür verantwortlich und wie sehen Ihre Lösungsvorschläge aus? 

Tobias Kruger: Wie ich eingangs sagte, hat sich die sicherheitspolitische Lage in ganz Deutschland und auch in Europa unstrittig geändert – die Verantwortlichkeit hierfür liegt klar bei der deutschen Regierungsspitze, die unter Missachtung des Bundestages, der Länder und der europäischen Partner weitestreichende Alleinentscheidungen mit massivsten Konsequenzen und zum Teil unter Verletzung geltenden deutschen und europäischen Rechts getroffen hat. Weihnachtsmärkte hinter meterdicken Betonpollern, Neujahrsfeierlichkeiten bei Flutlicht mit Glasflaschen- und Böllerverbot und unter massivem Polizeischutz sind nicht mehr das Deutschland – und Europa –, was es mal war. Diese bittere Erkenntnis muss man endlich auf allen politischen Ebenen akzeptieren und damit aufhören, alles zu verschleiern, zu verharmlosen und schönzureden. Es muss die absolute und schonungslose Ehrlichkeit wieder Einzug halten, um nicht noch mehr Vertrauen bei den Bürgerinnen und Bürgern zu verspielen. Danach können wir versuchen, es Schritt für Schritt zurückzugewinnen. An diesem Strang müssen auch die Medien mitziehen: Warum muss ich mir beispielsweise tagtäglich und andauernd und immer noch die Visage des Attentäters von Berlin in den Medien und Netzwerken anschauen, aber über die deutschen Opfer vom Breitscheidplatz ist nichts bekannt bzw. wird der Mantel des Schweigens ausgebreitet? 

Für Rödermark plane ich ein umfassendes Sicherheitskonzept, welches von einfachen Maßnahmen wie mehr Beleuchtung auf öffentlichen Plätzen und Wegen, einem Videoüberwachungskonzept und verstärktem Streifendienst bis hin zum einem integralen Rödermärker Schutzkonzept für Veranstaltungen und Festivitäten reicht. Darüber hinaus werde ich mich mit allen Möglichkeiten für eine ständige Polizeipräsenz in Rödermark einsetzen – mit dem Ziel, dass Rödermark wieder eine feste Polizeistation bekommt. Auch möchte ich den Kommunalen Präventionsrat, der leider von den derzeit handelnden Personen eingeschlafen lassen wurde, wiederbeleben und inhaltlich völlig neu aufstellen. Ich bin seit 2011 Mitglied des Präventionsrates und sehe hier ein ganz großes Potenzial für Rödermark, denn jede präventive Maßnahme, die Verbrechen und Opfer verhindert, verdient alle denkbaren Anstrengungen. 

HESSEN DEPESCHE: Abschließend bleibt noch die Frage, welches persönliche Wahlziel Sie sich für den 5. Februar gesteckt haben?

Tobias Kruger: Ich trete an, um Bürgermeister in und für Rödermark zu werden. 

HESSEN DEPESCHE: Herr Kruger, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Zur Person: Tobias Kruger wurde 1979 in Saarbrücken geboren und lebt seit 1980 in Rödermark. Er ist ledig und hat keine Kinder. Sein Abitur machte er 1999 am Adolf-Reichwein-Gymnasium in Heusenstamm und ist seitdem als Fachjournalist tätig, unter anderem für das Blatt „Kriminalist“ und die „Zeitschrift des Bundes deutscher Kriminalbeamter“. Seit 1994 ist Kruger in Rödermark politisch aktiv, zunächst für die Junge Union (1994-2009) und die CDU (1996-2009), dann für die FDP (seit 2009). Seit 2011 ist er Fraktionsvorsitzender der FDP in der Rödermärker Stadtverordnetenversammlung, von 2012 bis 2014 arbeitete er als Referent der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag, seit 2014 ist er Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Kreistag des Landkreises Offenbach und seit 2016 Kreistagsabgeordneter. Seine Hobbys sind Lesen, Philosophie, Digitalfotografie und digitale Bild- und Videobearbeitung.

Letzte Änderung am Freitag, 10 Februar 2017 15:20
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Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.hessen-depesche.de/show/author/60-michael-krug.html
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