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Vergebliche Suche nach wee in der Metropole Frankfurt am Main

Cengiz Ehliz und Michael Scheibe können kaum tatsächliche Akzeptanzstellen im Einzelhandel für wee vorweisen

Dienstag, 05 Februar 2019 22:02 geschrieben von 

München - Mit seinen womöglich rund 2000 angeschlossenen Händlern in München und Umgebung werben die Kaufleute Cengiz Ehliz und Michael Scheide in ganz Europa bei Geldgebern vollmundig für das Verbraucherbonussystem „wee“ und eine Kryptobörse „COOINX“ um Kapital. Dabei bezeichnen sich Cengiz Ehliz und Michael Scheibe regelmäßig in Präsentationen als „Marktführer“. So sollen vorrangig private Geldgeber dabei helfen, weitere Märkte zu erschließen und das „Erfolgskonzept“ wee auch weiter in Europa zu verbreitern.

Versucht man das System von wee zu verstehen, sollte man sich genauer mit dem Cash-Back-Mechanismus dahinter befassen. Nachdem der Kunde sich über die Webseite oder App registriert hat, lässt sich scheinbar schon lospunkten. Wofür es genau eine Karte benötigt, lies sich nicht klären. Alle Funktionen lassen sich per App erledigen. Die Karte ist gänzlich ohne Zusatzfunktion. Aber so eine Karte wirkt natürlich im Vertrieb.

Der Selbstversuch

Das vorher besagte Punkten vor Ort stellte sich in unserem Selbstversuch jedoch durchaus problematisch dar. Dies liegt hauptsächlich an der Verteilung der Anlaufstellen. Für einen so ambitionierten Anbieter wie wee, welcher vorgibt vorrangig lokale Geschäfte stärken zu wollen, sind zwei Anbieter im gesamten Stadtgebiet der hessischen Metropole Frankfurt/Main arg dürftig. Selbst unter Zunahme des gesamten Rhein-Main Gebiets kommt man auf keine 10 teilnehmende Shops (!).

wee ist im Einzelhandel auch nach Jahren nie angekommen!

Bei einer stichprobenhaften Überprüfung vor Ort ist eines der Geschäfte bereits nicht mehr Teil von wee, ein anderes lokales Geschäft hat bei über einem Jahr Partnerschaft kein einziges Mal mit wee gearbeitet und wieder ein anderes Geschäft bietet „Alltagsprodukte“ wie Kurzfilmproduktionen, Veranstaltungstechnik oder Web Design. Dafür gibt es aber mutmaßlich 5% des Geldes zurück. Kurios!

Eine weitere tragende Säule des von Cengiz Ehliz und Michael Scheibe so frenetisch beworbenen wee, ist ein Online Cashback System. Hier finden sich große Namen wie Lidl, KIKO Milano, Jack&Jones, Under Armor, weg.de oder bonprix. Nach unserer Kenntnis handelt es sich dabei aber ausschließlich um affiliate Links. Ein affiliate Link ist ein Link, welcher messbar mit einem Anbieter verknüpft ist. Über solche Links können beispielsweise Blogger und Influencer messen, wie häufig ein von ihnen beworbenes Produkt auf einer Fremdplattform verkauft wurde. Der Partner erhält nach erfolgreichem Kauf über den beworbenen Link einen festen Prozentsatz des Umsatzes für seinen Werbelink. Ein Vorteil in Form von Geld oder ähnlichem für den Endkunden ist dabei aber nicht vorgesehen. Eine gewisse Ausschüttung der Einnahmen an den Endverbraucher ist jedoch möglich, wenn wee diese Beträge an den Kunden zurückspielt. Von einer besonderen Leistung durch wee kann aber kaum ernsthaft gesprochen werden. Beinahe jeder hätte den Zugang zu solchen affiliate Links.

Diesen Affiliate-Marketing Mechanismus nutzt wee aller Erkenntnis nach bei allen größeren Firmen. Einige dieser Anbieter zeigten sich „überrascht“, dass Sie auf Seiten von wee als Partner geführt werden.

Under Armor und weg.de wussten bis zu unseren Recherchen nicht was wee überhaupt ist!

wee kann nach einem Kauf über einen affiliate Link einen gewissen Betrag an den Nutzer ausschütten. Es wäre aber für den Nutzer fair zu erfahren, dass es sich eben nicht um eine Partnerschaft zwischen den Unternehmen wee und beispielsweise weg.de handelt, sondern um reines Affiliate- Marketing, von denen die genannten Firmen zum Teil absolut nichts wissen. Das wäre der seriöse Weg, denn affiliate Links und deren Nutzung sind weder verboten noch anrüchig, sondern gängige Praxis. Sie sind aber auch nicht der Cashback-Durchbruch. Andere Anbieter wie die Deutschlandcard oder Payback haben echte Partnerschaften mit großen Unternehmen, mit einem Mehrwert für alle Beteiligten. Das kann wee noch nicht vorweisen. Es grenzt an Augenwischerei. Mit den hunderten Shops bläht wee sein Portfolio auf und täuscht offenbar Verbraucher.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Mit einem Affiliate-Link-Konzept konnte wee bereits 2015 für einiges Aufsehen sorgen. Damals noch gemeinsam mit weeconomy, flexcom und YuByYu. Ein englischsprachiger Vertriebler erklärt das komplette Modell in den Grundzügen und zeigt, dass diese Firmen zusammengehören. YuByYu ist mittlerweile als Webseite nicht mehr zu erreichen, lediglich die Struktur der Links in wee lässt noch erkennen, dass das affiliate Netz von wee weiter betrieben wird (https://www.youtube.com/watch?v=h_LxEAEiGRM).

Warum YuByYu von der Bildfläche verschwand, und ob es noch ähnliche funktionelle Teile von wee gibt, welche auf flexcom oder die weeCONOMY AG zurückzuführen sind, bleibt weiterhin ungeklärt. Für den Verbraucher hat das System auf den ersten Blick gewisse Vorteile. Die Nutzung von wee ist kostenfrei für Endkunden und abhängig vom Wohnort oder den Kaufpräferenzen könnte ein kleiner Teil Cashback möglich sein. Stolpersteine sind wie bereits erwähnt, dass die regionale Verteilung äußerst ungleichmäßig ist, viele Anbieter bereits wieder abspringen und Online-Anbieter auch nach mehrmaligem Mailkontakt Probleme damit haben, die Einkäufe im System einzutragen.

Lebt wee nur von Einstellungsgebühren und Lizensen?

Für Investoren und Geldgeber jedoch ist die Beurteilung etwas schwieriger. Häufig werden Lizenzzahlungen oder Einrichtungsgebühren an wee fällig. Die Kostenstruktur dahinter ist undurchsichtig. Die vermeintlich marktbeherrschende Position ist das Ergebnis eines Verwirrspiels mit Affiliate-Marketing und dem bewussten überspitzen von lokalen Leuchtturmprojekten, Beispiel weeArena im beschaulichen Bad Tölz in Oberbayern. Hierwird ein gesundes und schnellwachsendes Projekt angepriesen, welches in seinem vollen Umfang offensichtlich bereits bis in Details vor einigen Jahren bestand, aber über mehrere Firmen immer wieder neu bespielt wird. So werden Menschen mit geschönten Präsentationen zu fragwürdigen Investitionen und schlimmstenfalls um ihr Geld gebracht, sollte wee nicht halten, was es Investoren vollmundig verspricht.

Auf jeden Fall drehen Cengiz Ehliz und Michael Scheibe ein so großes Rad, was sich bislang mit tatsächlichen Akzeptanzstellen im Einzelhandel so kaum seriös bewerkstelligen lässt. wee kam im Einzelhandel in der Fläche noch nicht an! Jeder mag da seinen Selbstversuch machen und die Schwäche des großen Versprechens von wee erfahren.

Letzte Änderung am Dienstag, 05 Februar 2019 23:06
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Felix Deister

Felix Deister (Jahrgang 1993) fühlt sich in digitalpolitischen Themen am wohlsten und beendete 2018 sein Masterstudium. Ausführliche Recherchen und Datenjournalismus sind seine Leidenschaft.

Als gelernter Journalist lebt er das Leitmotiv von Hanns Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

Felix Deister ist bekennender Sozialdemokrat und Spezialist für MLM und die Kryptogeschäftswelt.

Webseite: https://www.hessen-depesche.de/show/author/78-felix-deister.html
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