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Europäische Wirtschaftssenatoren 715 und 716

Das wee und COOINX-Mysterium: Michael Scheibe, Cengiz Ehliz und Nietzsches „ewige Wiederkehr des Gleichen“

Dienstag, 28 August 2018 17:28 geschrieben von 

Luxemburg – Michael Scheibe ist nicht gerade für Bescheidenheit bekannt. „Gut 100.000 Flugmeilen“ habe er bewältigt, rund „100 Experteninterviews geführt“ und „einen Teil seines privaten Vermögens“ investiert, um sein in Luxemburg ansässiges Unternehmen COOINX auf die Erfolgsspur zu bringen, teilt er in einer aktuellen Presseerklärung mit. Der FinTech-Neuling wirbt damit, ein „Motor für die Digitalisierung des europäischen Einzelhandels“ zu sein und bietet seinen Partnern als „einzigartiges Incentive“ den Token eines ICO an, das„im 4. Quartal von externer Seite realisiert wird“. Erklärtes Ziel sei es, „eine Million MDT-Packages bis 2019 zu vermarkten und gemeinsam mit ‚wee‘ eine europaweite Renaissance des teils darbenden Einzelhandels aktiv mit zu gestalten“. Das klingt zunächst einmal gut, aber wird Michael Scheibe auch halten, was er verspricht?

Manche sind durchaus der Meinung, dass der umtriebige Manager und Hobby-Rennsportler, dessen Motorherz für BMW schlägt, durchaus das Potenzial besitzt, um den Markt mit COOINX gehörig aufzumischen. Schließlich, so hört man in Investorenkreisen, berichten ja auch große Medien wie der „Focus“ und der „Tagesspiegel“ über seine Aktivitäten.

Tatsächlich kann man auf der Internetpräsenz des letztgenannten Berliner Blattes einen langen Bericht über die Pläne von COOINX lesen. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Artikel als sogenanntes „Advertorial“ – einen ähnlich wie redaktionelle Inhalte aufgemachten PR-Text, den das Unternehmen selbst in Auftrag gegeben hat.

Diese Form der verdeckten Werbung ist nicht unüblich. Sie bedeutet eine Win-Win-Situation für die Publikation und das werbende Unternehmen: Die unter Abo- und Anzeigenkundenschwund leidenden Mainstream-Medien bessern ihre Kasse auf, während sich die Firmen wesentlich teurere Anzeigenkosten sparen und damit prahlen können, dass über sie ja auch große Tageszeitungen oder Magazine „berichten“. Man muss schon genau hinschauen, um ein „Advertorial“ von einem echten redaktionellen Text zu unterscheiden. Beim flüchtigen Überfliegen fällt dieser Unterschied kaum auf – und genau darauf setzen offenbar auch Michael Scheibe und seine COOINX S.A. Tatsächlich inhaltsstarke  Medienberichte über den Neuling am Markt findet man bislang nämlich nicht.

Neue Kryptowährung geplant

Doch was ist das Kerngeschäft von COOINX, mit dem Michael Scheibe den Einzelhandel revolutionieren will? Genau hier wird es ziemlich undurchsichtig. Im Zentrum steht jedenfalls eine sogenannte Kryptowährung. „Schon als junger Unternehmer habe ich in der Immobilienbranche die Summe von 1 Mrd. an Investitionen realisiert“, wird der CEO auf der Website des Unternehmens zitiert. „Dann hat mich die Vision von Digitalisierung des Einzelhandels gepackt, meine größte Herausforderung. Die vergangenen 10 Jahre haben mich für diese Aufgabe schlau, kompetent gemacht… Tausend gemeisterte Herausforderungen, hunderte inspirierende Persönlichkeiten, ein Visionär und über Jahre aus erster Hand aufgebaute Kompetenzen im E-Business oder bei der erfolgreichen Umsetzung von visionären Kapitalmarkt-/Technologie-Konzepten wie Blockchain“, so Michael Scheibe weiter.

Schon im Juni dieses Jahres vermeldete COOINX in etwas unbeholfenem Deutsch: „Eine Revolution im Cryptocurrency startet durch und Sie können dabei sein.“ Versprochen wurden „Verdienstmöglichkeiten am Shoppingumsatz in Europa, dauerhafte Provisionen durch ein innovatives Vertriebskonzept, geniale Ausbildungsmodule online und offline, Karrieremöglichkeiten und einzigartige Incentives“. Ein Kurzfilm pries Verdienstchancen durch Mobile Payment, Kryptowährungen und Blockchain-Technologie an.

COOINX wolle mit einer neuen digitalen Währung, also einem eigenen Krypto-Coin, den weltweiten Transaktionsfluss beschleunigen und das Shopping revolutionieren. Der neue Coin solle sich dabei von der bekanntesten Digitalwährung Bitcoin abheben, die wegen ihrer technischen Einschränkungen leicht verächtlich als „Nokia“ der Kryptowährungen bezeichnet werde. Bei COOINX soll hingegen das Smartphone für die Nutzung der neuen digitalen Währung im Mittelpunkt stehen.

Für Leute, die nicht gerade eingefleischte Szene-Insider sind, ist die Welt der Kryptowährungen ein Buch mit sieben Siegeln. Eine neue digitale Währung geht für gewöhnlich mit einem sogenannten Initial Coin Offering (ICO) an den Markt. Der Begriff ist angelehnt an den des Initial Public Offerings (IPO), dem englischen Ausdruck für den Börsengang einer Aktiengesellschaft. Anders als bei einem IPO werden bei einem ICO allerdings nicht Unternehmensanteile angeboten und verkauft, sondern digitale Einheiten von Kryptowährungen erzeugt.

Anleger können in solche ICOs investieren. Sie erhalten im Gegenzug sogenannte Tokens, die dem Wert einer Kryptowährung entsprechen. Der Wert eines Tokens kann, wie bei einer Aktie, steigen oder fallen. Ob hinter dem jeweiligen ICO ein unternehmerisch tragfähiges Konzept steckt, ist für Außenstehende oft schwer zu durchschauen. Das macht diese Form der Geldanlage in vielen Fällen besonders spekulativ. Im Falle des ICOs von COOINX liegt noch einiges im Unklaren. Das Unternehmen geizt mit Informationen – schon mal kein gutes Zeichen. Offenbar soll allein schon der Fakt, dass es eine neue Kryptowährung gibt, als Kaufanreiz dienen.

Cengiz Ehliz und „wee“ mit an Bord

Als Partner hat COOINX die im schweizerischen Kreuzlingen ansässige Swiss Fintec Invest AG des Bad Tölzer Unternehmers Cengiz Ehliz an Bord geholt. Das Unternehmen firmierte bis vor wenigen Wochen noch als weeCONOMY AG und zuvor als Bambu AG. Der scheinbare Cashback-Anbieter hat sich in letzter Zeit vor allem über den Bereich des Sport-Sponsorings, vor allem beim Boxen und beim Eishockey, einen Namen gemacht. Im Zentrum des Geschäftsmodells stehe eine Technologie, die länderübergreifend Cashback in Echtzeit anbiete. Nach Angaben des Unternehmens sei dabei eine multifunktionale Bonuskarte mit einer App und einem Online-Portal vernetzt.

Mit seinem Bonussystem will Cengiz Ehliz nach eigenen Angaben den bargeldlosen Zahlungsverkehr auf eine neue Stufe heben. Hierzu sagte er einmal: „Vor 40 Jahren, als die ersten Kreditkarten bei uns eingeführt wurden, hat die Mehrheit der Bevölkerung, die Politik und die Wirtschaft dies als aberwitzig tituliert. Heute ist das Online-Shopping durchweg normal. Wobei sich hier das Konsumentenverhalten stark verändert. Vor zwei Jahren erfolgten nur acht Prozent der Online-Einkäufe mit dem Smartphone, heute sind es bereits 14 Prozent. China, Japan und die USA befeuern diesen weltweiten Trend. Paypal oder vergleichbare Anbieter sind mit 41 Prozent die beliebteste Bezahlmethode, gefolgt von der Kreditkarte mit 31 Prozent.“ Der Tölzer mit türkischen Wurzeln betont: „Meine Vision ist es, dass der Verbraucher weltweit nur noch eine Plastikkarte in seiner Geldbörse trägt und damit bezahlt. Einzige Alternative – mit der App im Smartphone einkaufen. Und natürlich sollten das die weeCard und die weeApp sein. Denn damit lässt sich gleichermaßen Geld sparen und verdienen.“ Jetzt soll die von COOINX angekündigte neue Kryptowährung offenbar mit wem wee-Konzept verzahnt werden.

Die FlexCom-Connection

Brancheninsider staunen: Die Swiss Fintec Invest AG hieß vor gar nicht allzu langer Zeit noch weeCONOMYAG und stand mit der vormaligen Firma von Michael Scheibe, der FlexCom International AG, in einer sehr engen geschäftlichen Verbindung. Immer wieder geriet FlexCom/FlexKom jedoch wegen angeblich zweifelhafter Geschäftspraktiken in Diskussionen. Im Mai 2017 wurde dann allerdings verkündet, man habe „in beidseitigem Einvernehmen“ beschlossen, die „gesellschaftsrechtliche Verflechtung der weeCONOMYmit der FlexCom“ aufzulösen. Zu etwa dem gleichem Zeitpunkt schied Rudolf Engelsberger als wichtiger Vertrauter zu Cengiz Ehliz und Michael Scheibe im wee-Zirkus endgültig aus. Zwischenzeitlich beharken sich Engelsberger und Ehliz, so wird kolportiert, nicht nur juristisch. „Im Rahmen eines durchgeführten Management-Buy-Out haben verdiente Top-Manager das Unternehmen mit Sitz in Luxemburg nun gekauft. Für die Vertriebsprofis der FlexCom ergeben sich hierdurch neue, global ausgerichtete Wachstumsperspektiven“, hieß es dazu in einer vollmundigen Presseerklärung.

Die Trennung war aber offensichtlich nur von kurzer Dauer, denn jetzt arbeiten Michael Scheibe mit seiner COOINX S.A. und Cengiz Ehliz mit seinem weeCONOMY-Nachfolger Swiss Fintec Invest wieder so eng zusammen, dass sogar eine gemeinsame Kryptowährung geplant ist. Alles eine Finte?Eine geschäftliche Überlappung der Aktivitäten beider Unternehmen streitet Michael Scheibe allerdings noch ab. In einem Interview mit einem in Leipzig firmierenden Immobilienbewerter sagte er dazu: „Es gibt weder irgendwelche gegenseitigen Beteiligungen noch mögliche personelle Überschneidungen. Alles ist vertraglich glasklar geregelt! Wir sind ein wichtiger Vertrieb unseres Geschäftspartners mit eigens entwickelten Produkten, die wir exklusiv vertreiben, um den Marktplatz von ‚wee‘ nachhaltig zu beleben. Konkret: Wir legen als ein Vertriebspartner die Basis für die Realisation von Markteinstieg und Marktdurchdringung des innovativen Cashback-Systems ‚wee‘“.

Die nach wie vor enge Verbindung zwischen Michael Scheibe und Cengiz Ehliz wird auch deutlich, wenn man sich den Eintrag des früheren FlexCom-Managers auf der Internetseite der sogenannten Europäischen Wirtschaftssenatoren (https://www.eu-wirtschaftssenat.eu/senatoren-sektion-schweiz2.html?senatorID=716) anschaut. Michael Scheibe firmiert dort als Vertreter der MPM Group, einem weiteren Unternehmenskonstrukt unter seiner Ägide. Zur Vita Scheibes liest man dort Folgendes: „Bevor er zu FlexCom International AG kam, verbrachte Michael Scheibe fast 20 Jahre im Bereich der Immobilienwirtschaft, wo er als Mitgründer und Vorstand der Profi-Partner Aktiengesellschaft diese auf dem Gebiet der sachwertorientierten Kapitalanlage zu einem der führenden Anbieter von Luxusimmobilien in Deutschland machte.“

Nun sollte man auch vergleichend lesen, wie sich der "Senator" Cengiz Ehliz bei den Europäischen Wirtschaftssenatoren vorstellt: (https://www.eu-wirtschaftssenat.eu/english/senators-switzerland-section.html?senatorID=715). 

Und zufällig ist Cengiz Ehliz im internen Zählsystem jener Europäischen Wirtschaftssenatoren Senator 715 und Michael Scheibe Senator 716! Wer könnte da noch vermuten, dass die direkte Folge ein Zufall ist?

Zitiert man weiter aus der Vita des Michael Scheibe: „Im Frühjahr 2012 schloss er sich dem Founder und Präsidenten von weeCONOMY Group AG, Herrn Cengiz Ehliz, als Vertriebspartner (FlexCom International AG) an, um gemeinsam wee in Europa und in der Welt aufzubauen und zu etablieren. Als Vorstand der Profi-Partner AG mit einem verantworteten Umsatzvolumen von ca. 1 Milliarde DM (sic!) und International Founding Member bringt er insgesamt einen unglaublichen Schatz an praktischem Können und Fachwissen sowohl aus der Unternehmensperspektive als auch aus der Sicht des Teampartners mit.“

Bäumchen-Wechsle-Dich-Spiel

Bei BAYERN DEPESCHE beschreibt Michael Scheibe noch am 10.07.2018 (https://www.bayern-depesche.de/wirtschaft/nun-verzahnt-cengiz-ehliz-weeconomy-und-cooinx.html)

sein neues Projekt der Digitalisierung des Einzelhandels so: „Allein in Deutschland verbucht der Onlinehandel rund 60 Milliarden Euro Umsatz, Tendenz weiter steigend. Geld, das dem stationären Einzelhandel abfließt, was zur Verödung der Innenstädte beiträgt, was die Lebensqualität der Menschen mehr und mehr einschränkt. Insofern sehen wir uns auch als Problemlöser, als Business-Zukunftsturbo des Einzelhandels. Mit unseren Produkten transformieren wir den Einzelhandel ins digitale Zeitalter. Dabei erhält jeder durch uns angeschlossene stationäre Einzelhändler sein eigenes M- und E-Commerce.“

Jedes „Einzelhandels-Digitalisierungsprodukt“ binde dabei einen Einzelhändler an die COOINX S.A., die ihm ein Rundumpaket mit einer Vielzahl an Leistungen biete. Das Kernprodukt kostet aktuell 890 Euro und wird flankiert von einem weiteren Online-Tool, das einmalig für 99 Euro und weitergehend für 39 Euro pro Jahr zu bekommen ist und sozusagen das Backoffice des Vertriebspartners darstellt. Was man sich genau darunter vorzustellen hat? Das kann wohl nur Michael Scheibe beantworten, der jedoch stets unkonkret bleibt…

Potenzielle Anleger, die sich für das angekündigte ICO interessieren, sind verunsichert. Und das nicht nur wegen der undurchsichtigen Produktbeschreibungen, die man von COOINX bekommt, sondern auch wegen des Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiels von Scheibe und Ehliz im Hintergrund. Man hat den Eindruck, dass die beiden Finanzjongleure alle zwei, drei Jahre eine neue Sau durchs Dorf treiben, um dann erst das Label und dann die Idee zu wechseln oder zumindest zu modifizieren.

Philosophisch versierte Zeitgenossen fühlen sich bei Cengiz Ehliz und Michael Scheibe an Nietzsches „ewige Wiederkehr des Gleichen“ erinnert. Am Markt blickt man daher arg skeptisch auf die Krypto-Offensive der beiden Geschäftspartner.

Letzte Änderung am Dienstag, 28 August 2018 17:37
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Angela Prokoph-Schmitt

Angela Prokoph-Schmitt (Jahrgang 1968) ist eine leidenschaftliche Demokratin und im südhessischen Darmstadt aufgewachsen.

Sie ist Mitglied der CSU (Bayern) und der CDU (Hessen). Bis Juli 2017 führte sie auch die Redaktion von HESSEN DEPESCHE.

Webseite: www.hessen-depesche.de/show/author/68-angela-prokoph-schmitt.html
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