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Schwere Vorwürfe

Die Akte „wee“: Jetzt spricht Ex-CEO und Cengiz Ehliz-Kritiker Rudolf Engelsberger (Teil 1)

Samstag, 03 November 2018 10:20 geschrieben von  Götz Schubert
'wee' benennt sich (zumindest in der Einwerbung von Investoren) bereits heute in einem Atemzug mit Amazon, Google oder Bitcoin 'wee' benennt sich (zumindest in der Einwerbung von Investoren) bereits heute in einem Atemzug mit Amazon, Google oder Bitcoin Quelle: Werbung zu wee.com

München/Kreuzlingen – Das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel im „wee“/COOINX-Komplex um Cengiz Ehliz und Michael Scheibe wird immer undurchsichtiger: Firmen wechseln ihre Namen, werden eingekauft oder abgeschaltet, Kompetenzen werden verlagert, Geschäftsführer- und Aufsichtsratsposten oft wechselnd besetzt (siehe auch: https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/michael-scheibe,-wee-und-cooinx-zieht-sich-cengiz-ehliz-aus-dem-namen-weeconomy-zurück.html).

Inzwischen ist der Unternehmensauftritt für Außenstehende so verworren, dass selbst frühere Insider es kaum noch durchblicken. Ein solcher ist zweifelsohne Rudolf Engelsberger, der längere Zeit bei weeCONOMY die Geschicke in der Hand hielt. Bei der weeCONOMY Group AG liefen einst die Fäden der Unternehmensgruppe zusammen, doch inzwischen hat es den Anschein, als ob dieser Name aus dem Komplex verschwinden soll.

Ehrbarer Kaufmann

Rudolf Engelsberger hat sich einst für Cengiz Ehliz, den Präsidenten der 'wee' aufgerieben und an das „wee“-Modell geglaubt. 1961 im oberbayerischen Waging am See geboren, ist er seit über 25 Jahren in der Vertriebswelt tätig. Als Spross einer alteingesessenen Handwerkerfamilie verdiente er sich seine Sporen zunächst im elterlichen Betrieb, wechselte allerdings bald in die Finanzbranche. Kurz nachdem Carsten Maschmeyer Ende der 1980er Jahre den Finanzvertrieb AWD gegründet hatte, stieg Engelsberger dort ein und erlernte das Geschäft von der Pike auf, zunächst als einfacher Vertriebsmitarbeiter, wenig später schon auf der Führungsebene. Es dauerte nicht lange, da hatte er die gesamten AWD-Strukturen in Bayern und Baden-Württemberg unter seinen Fittichen.

Wenn Rudolf Engelsberger spricht, bleibt er stets ruhig und sachlich. Und er setzt nach eigener Aussage viel Wert auf Ehrlichkeit. „Wenn ich morgens aufstehe, dann kann ich mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen. Ich habe noch nie jemandem etwas Schlechtes getan oder etwas Schlechtes empfohlen“, so der Vertriebsprofi gegenüber unserem Nachrichtenportal, als er noch an Ehliz‘ Seite stand. Man gewinnt den Eindruck, dass der Oberbayer den Typus des ehrbaren, bodenständigen und soliden Kaufmanns repräsentiert.

Bei weeCONOMY ist Engelsberger die Karriereleiter schnell hinaufgestiegen: Bis 2014 war er Geschäftsführer der FlexCom International AG und ging dann als CEO zur weeCONOMY AG. Unter seiner Ägide wurde die weeCONOMY Group AG aufgebaut, die alle Einzelfirmen des neuen Cashback-Systems „wee“ unter einem Dach vereinte und die Geschäftsfelder strukturierte. Geschäftsführer der beiden Gesellschaften blieb er bis 2015, danach hatte er noch bis März 2016 eine Projektvereinbarung inklusive Beratervertrag mit Cengiz Ehliz. Das Geschäftsverhältnis der beiden Partner endete nicht einvernehmlich.

Es gab Differenzen mit dem weeCONOMY-Gründer und -Mehrheitsaktionär, weil Engelsberger, wie er sagt, eine von Ehliz' Kalkulationen kritisiert hatte. In Folge der Trennung von Ehliz und Engelsberger kam es dann auch zu einer juristischen Auseinandersetzung, die bis heute andauert. Cengiz Ehliz fühlt sich von Rudolf Engelsberger verleumdet ja sogar erpresst (https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/cengiz-ehliz-wee-und-pressesprecher-tilmann-meuser-sprechen-von-verleumdungen-durch-ex-vorstand-rudolf-engelsberger.html). Rudolf Engelsberger sieht sich an ihm vertraglich zugesicherten Aktienrechten benachteiligt.

Verspätete Gesellschafterversammlungen

In einem Gespräch mit HESSEN DEPESCHE hat Rudolf Engelsberger seine Vorwürfe gegen Cengiz Ehliz nun bekräftigt. Letzterer war Gründer des „wee“-Konglomerats und hatte zunächst auch 100 Prozent der Aktien der weeCONOMY Group AG in seinem Besitz. Im Zuge der Zusammenarbeit mit dem neuen CEO der Gruppe, Rudolf Engelsberger, sei dann vereinbart worden, dass zwei Prozent der Aktien an diesen übergehen sollen, was auch so ins Aktienbuch eingetragen worden sei. Des Weiteren sei ein Incentive von Cengiz Ehliz für die Vertriebsmitarbeiter der Gruppe promotet worden, „wofür im Aktienbuch der weeCONOMY Group AG als separates, gepooltes Instrument nochmal 18 Prozent der Aktien zurückgestellt wurden“, so der frühere CEO.

Engelsberger fielen, wie er HESSEN DEPESCHE sagte, nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen immer wieder bis heute schwer nachvollziehbare Verhaltensweisen auf, die ihn – immer noch Minderheitsaktionär – stutzig gemacht hätten: „Die Grundproblematik, die ich als Aktionär der weeCONOMY Group AG feststelle, ist folgende: Für die Geschäftsjahre 2014, 2015 und 2016 hat es erst im Juni 2017 an einem Tag eine Gesellschafterversammlung gegeben. Das war schon mal deutlich zu spät. Und auf dieser Versammlung wurde dann unter anderem beschlossen, dass eine BAMBU AG gekauft und zu einer Tochtergesellschaft der weeCONOMY Group AG gemacht wird. Außerdem wurden schon damals große Geldsummen in Form von Darlehen an Cengiz Ehliz oder ein Unternehmen namens CSC Business GmbH transferiert. Das war wohl eine neu gegründete Gesellschaft von Herrn Ehliz in Starnberg.“

Engelsberger weiter: „Ich bin 2017 als Aktionär mit meinem Anwalt auf der verspäteten Gesellschafterversammlung anwesend gewesen, und da kam uns die gesamte Situation schon relativ suspekt vor - vor allem, weil sich Managementzahlungen auf einmal extrem nach oben geschraubt hatten. Wer sich die Bilanzsumme von 2015 im Verhältnis zu der von 2016 anschaut, wird feststellen, dass da auf einmal Millionenbeträge geflossen sind, die überhaupt nicht nachvollziehbar waren. Mit meinen zwei Prozent der Stimmrechte konnte ich aber natürlich nichts dagegen unternehmen.“ Damals sei auch eine Kapitalerhöhung für die damalige wee.com AG (ehemals BAMBU AG) beschlossen worden, die heute offensichtlich Swiss Fintec Invest AG heißt. Nach Recherchen der HESSEN DEPESCHE stellt dieses Unternehmen nun so etwas wie das Zentrum der „wee“-Aktivitäten dar.

Auch aktuell gebe es wieder Verspätungen. Engelsberger dazu gegenüber HESSEN DEPESCHE: „Für das Jahr 2017 hätte es eigentlich schon längst eine Gesellschafterversammlung geben müssen. Normal ist es üblich, dass zumindest im ersten Halbjahr die Gesellschafterversammlung für den Abschluss des Vorjahres durchgeführt wird. Aber ich habe bis heute noch keine Einladung für die Gesellschafterversammlung der weeCONOMY Group AG für das Jahr 2017 bekommen. Also kann es leicht sein, dass es da einiges zu verstecken gibt. Aber ich kann das natürlich noch nicht beweisen, weil ich ja die Zahlen und Fakten wie die Bilanz noch nicht habe.“

Rudolf Engelsberger war lange Zeit leitender Manager im wee-Imperium des oberbayrischen Kaufmanns Cengiz Ehliz | Quelle: Rudolf Engelsberger
Rudolf Engelsberger war lange Zeit leitender Manager im wee-Imperium des oberbayrischen Kaufmanns Cengiz Ehliz
Quelle: Rudolf Engelsberger

 

Der große Vertriebs-Verschiebebahnhof

Gegenüber HESSEN DEPESCHE bestätigt Engelsberger den Eindruck, den wir durch unsere Recherchen gewinnen konnten: „Es wurde eine Gesellschaft nach der anderen gegründet.“ Der frühere weeCONOMY-CEO sieht hier die Gefahr, „dass im Zuge dessen auch massiv Vermögenswerte und auch Rechte verschoben“ worden sein könnten.

Engelsberger dazu: „Ich gebe ihnen ein Beispiel: Die Umsätze des gesamten Unternehmens – und ich vermute, dass da noch immer mehrheitlich die Einkünfte über den Verkauf von Vertriebslizenzpaketen oder Cashback-Karten stattfinden – wurden von der Vertriebsgesellschaft FlexCom International erwirtschaftet. Die saß damals auch in Kreuzlingen, doch irgendwann hat es geheißen: Nein, das gesamte Vertriebsgeschäft wird nun verkauft an eine Gesellschaft namens MPM in Luxemburg, die nach mir zugetragenen Informationen von den FlexCom-Vertriebsmanagern Michael Scheibe, Peter Grünewald und Mirko Scheffler gegründet worden war. MPM leitet sich von den ersten Buchstaben der Vornamen der drei Gründer ab. Und auf einmal sollte dann der gesamte Vertrieb von weeCONOMY von dieser Gesellschaft geleistet werden, und alle Vertriebsmitarbeiter waren dann dort angesiedelt.“

Dies werfe Fragen auf, denn, so Engelsberger: „Ein Vertrieb, der Umsatz macht, hat natürlich auch gewisse Werte. Und da kann man doch nicht auf einmal alle Vertriebsmitarbeiter der Gesellschaft A zu Mitarbeitern der Gesellschaft B machen und damit quasi das eine Unternehmen aushöhlen. Es gibt ja bestimmte Werterichtlinien, nach denen die Vertriebspower und der damit verbundene Kaufpreis bemessen wird. Man hat allerdings nie mitbekommen, wie hoch überhaupt der Kaufpreis war und wo das Geld hingeflossen ist. Wenn die Sache dann ohne jegliche Ermittlung und Begutachtung der Wertsubstanz erfolgt, dann schädigt man natürlich die Aktionäre der verkaufenden Gesellschaft – und dazu gehöre ich ja auch.“

Natürlich gehören zum Themenkomplex wee und COOINX auch Erfolge, über die HESSEN DEPESCHE gerne berichtet hat (https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/cooinx-s-a-mit-michael-scheibe-stimmung-zwischen-popkonzert-und-lotteriegewinn.html). Ungereimtheiten kamen zuletzt wieder auf als Cengiz Ehliz via Facebook eine deutsche Vollbanklizenz für wee vermeldete, was die Aufsichtsbehörde BaFin ins Reich der Legenden verwies (https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/keine-deutsche-vollbanklizenz-für-cengiz-ehliz-wee-oder-michael-scheibe-cooinx-2.html). In einer Pressemeldung der Swiss Fintec Invest AG hieß es dann später, dass man sowas in der Art (eine E-Money-Lizenz) zusammen mit einem anderen Unternehmen erst anstrebe. Noch sei allerdings nichts ratifiziert.

Was läuft gerade mit Swiss Fintec und COOINX? Bestehen Gefahren für Aktionäre und Geschäftspartner, die in das geplante Kryptocoin-ICO, das geplant ist, um „wee“ auf eine neue Stufe zu heben, investieren wollen? Und vor allem: Funktioniert das Geschäftsmodell „wee“ überhaupt? Auch darüber hat HESSEN DEPESCHE mit Rudolf Engelsberger gesprochen. Was er gesagt hat, lesen Sie demnächst im zweiten Teil unserer Artikelreihe „Die Akte wee“.


Anmerkung: In einer Einstweiligen Verfügung sind Rudolf Engelsberger einige Aussagen gegen Cengiz Ehliz und wee.com vorläufig untersagt worden. In einem anstehenden Hauptverfahren soll darüber noch entschieden werden. Rudolf Engelsberger tätigte daher alle veröffentlichten Auskünfte bei HESSEN DEPESCHE unter Mitwirkung seines Rechtsbeistands und bat darum, einige weitere Aussagen erst nach rechtlicher Würdigung im Hauptverfahren preis zu geben. 

Letzte Änderung am Sonntag, 04 November 2018 09:33
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