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Zerbrochene Männerfreundschaft

Die Akte „wee“: Jetzt spricht Ex-CEO und Cengiz Ehliz-Kritiker Rudolf Engelsberger (Teil 2)

Dienstag, 04 Dezember 2018 12:29 geschrieben von  Götz Schubert
Rudolf Engelsberger war lange Zeit enger Weggefährte von Cengiz Ehliz Rudolf Engelsberger war lange Zeit enger Weggefährte von Cengiz Ehliz Quelle: HESSEN DEPESCHE

München/Kreuzlingen – Rudolf Engelsberger kennt das Modell „Wee“ aus dem Effeff. Bis 2014 war er Geschäftsführer der FlexCom International AG und ging dann als CEO zur weeCONOMY AG. Unter seiner Ägide wurde die weeCONOMY Group AG aufgebaut, die alle Einzelfirmen des von dem Bad Tölzer Unternehmer Cengiz Ehliz ins Leben gerufenen Cashback-Systems „Wee“ unter einem Dach vereinte. Geschäftsführer der beiden Gesellschaften blieb er bis 2015, danach hatte er noch bis März 2016 eine Projektvereinbarung inklusive Beratervertrag mit Ehliz.

Heute zählt Engelsberger, der noch immer zwei Prozent der Anteile an der weeCONOMY Group AG hält, zu den schärfsten Kritikern von Ehliz. Er wirft ihm nicht nur vor, Gesellschafterversammlungen viel zu spät durchgeführt zu haben, sondern auch Gelder auf zweifelhafte Weise in neue Gesellschaften umgeleitet zu haben. Besonders übel stößt dem 1961 im oberbayerischen Waging am See geboren Vertriebsspezialisten auf, dass man im Zuge von Umstrukturierungen Werte verschob, ohne dass dazu transparente Informationen gegeben wurden. Die HESSEN DEPESCHE sprach darüber mit Engelsberger.

Den ersten Teil der Reportage findet man unter folgendem Link: https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/die-akte-„wee“-jetzt-spricht-ex-ceo-und-cengiz-ehliz-kritiker-rudolf-engelsberger-teil-1.html.

Monopoly in Kreuzlingen und München

Engelsberger kommen aber noch andere Dinge undurchsichtig vor. „Das ganze Geschäftsmodell, das ganze Cashback-System, ist ja über die weeCOMOMYAG gelaufen. Die ganzen Kunden, die ganzen Händler, die hatten alle ein Vertragsverhältnis mit der weeCONOMY AG“, so der frühere Unternehmenschef gegenüber HESSEN DEPESCHE. „Und jetzt soll das alles auf einmal in der wee.com AG beziehungsweise in der heutigen Swiss Fintec Invest AG angesiedelt sein.“Das könne er nicht nachvollziehen.

Engelsberger sagt: „Mit großem Geldeinsatz wurde da ein System geschaffen. Es wurden Investitionen getätigt, es wurde Know-how gebildet, es wurde die Marke ‚Wee‘ geschaffen. Und da kann man doch nicht einfach hergehen und sagen: So, jetzt stecke ich dieses System in eine andere Gesellschaft. Damit sind ja die bestehenden Aktionäre gewissermaßen ausgehebelt. Das geht nicht. Das ist doch kein Spiel wie Monopoly, aber so kommt es einem teilweise vor. Da werden Werte hemmungslos hin und her geschoben, und das nach Lust und Laune.“

Engelsberger vermutet, dass die heutige weeBusiness GmbH aus der ehemaligen FlexCom Europe GmbH entstanden ist, die in München in der Walter-Gropius-Straße angesiedelt war. Die Recherchen von HESSEN DEPESCHE bestätigen dies (siehe: (siehe: https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/weecom-gmbh-und-weebusiness-gmbh-cengiz-ehliz-übernimmt-wieder-von-dr-judith-behr.html.

Dazu sagt er: „Das war ja die Gesellschaft, mit der das System begonnen wurde und in der 70 bis 80 Prozent des effektiven Geschäftsmodells stattfanden. Die Seminare, die Veranstaltungen, die gesamten Kontaktgespräche, die Sitzungen, das alles findet schwerpunktmäßig in München statt.“ Für ihn stelle sich hier die Frage: „Wird das auch umsatzsteuertechnisch alles richtig veranlagt?“ Es könne ja durchaus sein, so Engelsberger, „dass das nur ein weiteres Verschiebungsmodell ist“.

COOINX-Coin ohne erkennbare Substanz

Doch es gibt für ihn weitere Ungereimtheiten: „Bei der wee.com AG hat es ein großes Friends-and-Family-Programm zur Kapitalerhöhung gegeben. Heute firmiertdie ehemalige wee.com AG als Swiss Fintec Invest AG. Da stellt sich für mich natürlich die Frage: Wurden hier bei den Promotionsveranstaltungen die wirklichen Zusammenhänge transparent beschrieben? Im Emissionsprospekt ist damals beschrieben worden, dass mehr als 99,9 Prozent der Aktien der wee.com im Besitz der weeCONOMY Group AG sind, deren Eigentümer mehrheitlich Cengiz Ehliz ist und an der ich laut dem beglaubigten Aktienbuch auch mit zwei Prozent beteiligt bin“, so Engelsberger. Des Weiteren sei ein Incentive ausgelobt worden, mit dem sich Mitarbeiter an der weeCONOMY Group AG beteiligen konnten.

Kritisch betrachtet Engelsberger auch die Transparenz der Kooperation von Cengiz Ehliz und Michael Scheibe. Hierzu erklärt er gegenüber HESSEN DEPESCHE: „Das mit der COOINX von Michael Scheibe ist auch ein schwer nachvollziehbarer Fall. Da wurde jetzt wieder eine Gesellschaft gegründet – mit dem vermeintlichen Zweck, ein ICO zu schaffen. Aber wo findet man etwas über den Wert dieses ICOs? Ist das eine reine Vertriebsgesellschaft oder soll da das Geschäftsmodell reingehen? Ja, man will einen Coin auflegen – und weiter? Ich habe nirgendwo lesen können, was damit überhaupt konkret geplant ist.“

Engelsberger vergleicht dies mit den Vorgängen um die Swiss Fintec Invest AG: „Die Swiss Fintec war nach meinem Kenntnisstand eine inaktive Mantelgesellschaft ohne großen Bilanzwert, als diese – seinerzeit noch als BAMBU AG – gekauft wurde.“ Dann sei diese Firma „durch das Geschäftsmodell der weeCONOMY als wee.com AG aufgeblasen“ worden. „Wie sind denn die Werte da hineingekommen? Da ist doch keine Fee gekommen und hat ein Unternehmen auf einmal wertvoll gemacht, das vorher keinen Wert hatte. Wo kommen die Werte her? Sind diese von der weeCONOMY Group AG transferiert worden – und wenn ja, zu welchem Preis?“, sind einige Fragen, die sich für den früheren Ehliz-Vertrauen dabei stellen.

Finanzielles Perpetuum mobile?

Engelsberger hat gerade einen arbeitsrechtlichen Prozess wegen seines Ausstiegsszenarios bei weeCONOMY vor einem Gericht in Kreuzlingen in der Schweiz geführt. Die HESSEN DEPESCHE wird in den nächsten Tagen exklusiv über die Angelegenheit berichten. Darüber hinaus prüft er weitere Schritte, weil er sich als Aktionär der weeCONOMY AG nicht ausreichend informiert fühlt: „Ich werde erstmal weiter recherchieren und schauen, ob ich noch mehr Überblick über die verwirrende Firmenstruktur bekomme. Dann werde ich den Verwaltungsrat anschreiben und fragen, wann denn endlich die notwendige Gesellschafterversammlung für das Jahr 2017 stattfindet“, so Engelsberger.

Doch was ist das Ziel der ganzen Vorgänge, die er beim Komplex „Wee“ kritisiert? Auch hierzu hat Engelsberger eine dezidierte Meinung: „Meines Erachtens wollen Herr Ehliz und seine Kollegen eine Menge Geld verdienen, doch aktuell noch mit relativ viel Nichts. Es wäre doch mal interessant zu wissen, wieviel des in der gesamten Unternehmensgruppe eingenommenen Geldes wirklich vom Cashback – also dem eigentlichen, erklärten Geschäftszweck – stammt. Dieses Modell wurde meines Wissens 2010 in der Türkei geschaffen, es existiert also seit acht Jahren. Aber wo ist der Proof of Concept? Funktioniert das offiziell beschriebene Geschäftsmodell überhaupt? Oder ist das Ganze nur eine permanente Maschine, die über irgendwelche Vertriebslizenzgebühren und Pakete mit großen Versprechungen und Vertriebsmargen am Laufen gehalten wird?“

Diese Fragen stehen tatsächlich für alle im Raum – und Cengiz Ehliz und sein Team sollten sie schnell, transparent und vor allem testiert beantworten.

Am 19.12. sehen sich Rudolf Engelsberger und Cengiz Ehliz wieder vor Gericht.

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