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Neuer Ausbildungsberuf in Hessen mit zaghaftem Start

"Kaufmann im E-Commerce": Bei Christine Lutz (IHK) nachgefragt

Montag, 06 August 2018 17:04 geschrieben von 

Wiesbaden - Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit, an der unter anderem die DIHK, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände beteiligt waren, erfolgte am 1. August nun auch in Hessen der Startschuss für einen neuen Ausbildungsberuf: Den „Kaufmann im E-Commerce“.

Seit längerem zeichnet sich ab, dass klassische kaufmännische Ausbildungen den speziellen Anforderungen der modernen Online-Ökonomie in den Ausbildungsinhalten nur bedingt genüge tun können und dass es für die enorm gewachsene Online-Branche einen eigenen Ausbildungsberuf braucht. Der Kaufmann E-Commerce vermittelt den Azubis kaufmännische Kenntnisse und dazu Spezialkenntnisse bei allem rund um Online-Shops und digitalem Vertrieb – beste Zukunftsaussichten sollte man meinen.

Christine Lutz (Geschäftsführerin IHK Wiesbaden) berichtet von ersten Zahlen

Grund genug, bei der Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung der IHK Wiesbaden, Christine Lutz, nachzufragen, wie im Vorfeld die Rückmeldungen aus Unternehmen und Abschlussjahrgängen für die neue Ausbildung waren. Das Ergebnis ernüchtert etwas: Im Einzugsgebiet der IHK Wiesbaden werde nur mit einer niedrigen einstelligen Zahl von Ausbildungsverträgen in dem neuen Beruf gerechnet, zum Zeitpunkt der Anfrage war noch kein einziger Vertrag in trockenen Tüchern, so Lutz. Selbst im gesamten Hessenland gebe es bislang nur 16 beidseitig unterschriebene Ausbildungsverträge.

Erfahrungen fehlen noch, Bekanntheitsgrad ausbaufähig

Wesentlich größer sei hingegen nach wie vor das Interesse an der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann oder Bürokaufmann. Ob der Kaufmann im E-Commerce noch ein Erfolg wird, lässt sich allerdings noch nicht abschätzen. Bei einem hoch spezialisierten Ausbildungsberuf – etwas, was im dualen System anders als bei Studiengängen noch eher selten ist – wird es mit Sicherheit einige Jahre dauern, bis die Bekanntheit bei Unternehmen und Schülern entsprechend vorhanden ist und es vor allem auch abschätzbar wird, wie gut die Job- und Gehaltsaussichten nach Abschluss der Ausbildung wirklich sind.

Blockunterricht verpasst „Dämpfer“

Ein weiterer Grund für die wenigen Verträge im ersten Jahr ist auch, dass der Berufsschulunterricht nur an der Berufsschule Bad Hersfeld im Blockunterricht stattfinden soll. Für die Betriebe bedeutet das wochenlange Abwesenheit der Azubis und für selbige vor allem Mehrkosten für Reise und Unterkunft. Kein Wunder also, dass das Interesse nach Verkündung des angedachten Blockunterrichts vor allem auf Unternehmerseite etwas geschwunden ist: Anfang des Jahres nahmen an einer Informationsveranstaltung noch rund 30 interessierte Betriebe teil, tatsächlich eine Ausbildung angeboten hat jedoch nur ein Bruchteil davon.

Blockunterricht: IHK fordert steuerliches Entgegenkommen für betriebliche Zuschüsse an Azubis

Um die Nachteile von Blockunterricht, der bei Ausbildungsberufen mit eher wenigen Auszubildenden aus Kostengründen alternativlos ist, fordert die IHK laut Christine Lutz, dass die steuerliche Abzugsfähigkeit von Kostenbeteiligungen an der Unterbringung der Azubis während des Blockunterrichts attraktiver gestaltet wird. Das würde wohl gerade auch kleineren Betrieben – wie man sie im E-Commerce oft findet – helfen.

IHK Wiesbaden berät Unternehmen und Schüler in Ausbildungsfragen

Sowohl für Unternehmen als auch für Azubis, die Beratung zum Thema Ausbildungsberufe benötigen, bietet die IHK Wiesbaden kompetente Hilfestellung an. Anders als bei anderen Berufsberatungen ist hier die Praxiserfahrung der Berater durch die Rückkoppelung an die Ausbildungsbetriebe höher. Während die IHK für Unternehmen sowieso der Ansprechpartner Nummer eins ist, können also auch angehende Azubis hier erfahren, wo ihre Fähigkeiten wirklich gebraucht werden und wie eine Ausbildung in der Praxis ausgestaltet ist.

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Robin Classen

Robin Classen (Jahrgang 1991) hat Rechtswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert und ist seit 2008 als freier Journalist tätig.

Er ist politisch in der AfD aktiv und widmet auch seine Freizeit als Mitglied eines Vereins für internationale Brieffreundschaften dem Schreiben.

Seine Artikel behandeln bevorzugt politische Themen. Er versteht sich jedoch als journalistischer Allrounder mit einem breiten Themenspektrum.

Seit Juni 2016 gehört er der Redaktion von HESSEN DEPESCHE an.

Webseite: www.hessen-depesche.de/show/author/62-robin-classen.html
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