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Auf den Spuren von Wirecard?

weeNexx AG: Kritiker zweifeln am „Erfolgsmodell“ von Michael Scheibe (COOINX) und Cengiz Ehliz

Montag, 03 Dezember 2018 04:00 geschrieben von  Götz Schubert

Kreuzlingen/München – Der E-Commerce-Anbieter Wirecard gehört zu den Wirtschaftsaufsteigern des Jahres. Im September gelangte das 1999 gegründete Technologie- und Finanzdienstleistungsunternehmen mit Sitz im oberbayerischen Aschheim in die höchste deutsche Börsenliga und verdrängte ausgerechnet den Index-Dino Commerzbank aus dem DAX. Angefangen hatte Wirecard einst als kleine Internetklitsche, die Kunden diskrete Zahlungsmöglichkeiten – etwa für Glücksspiel- oder Erotikseiten – anbot, doch als die Dotcom-Blase im März 2000 platzte und der Neue Markt infolgedessen ins Bodenlose rauschte, drohte bald die Insolvenz.

Das Blatt wendete sich, als Markus Braun 2002 als Vorstandsvorsitzender bei Wirecard einstieg und das Unternehmen kontinuierlich aus der Nische führte und breiter aufstellte. Ein direkter Vergleich mit der Commerzbank verdeutlicht den Aufstieg des neuen FinTech-Champions: Während die Aktie der 1870 gegründeten Traditionsbank, die seit dem DAX-Start im Jahr 1988 dabei war, in den letzten zehn Jahren mehr als 90 Prozent ihres einstigen Wertes verloren hat, hat sich die des DAX-Neuzugangs allein im laufenden Jahr mehr als verdoppelt und ist im Zehnjahresvergleich sogar um das 35-Fache gestiegen.

Erfolgreiches Vorbild aus Oberbayern

Wirecard-CEO Markus Braun – der „stille Besessene“, wie ihn das „Manager Magazin“ einmal nannte – ist durch seinen siebenprozentigen Aktienanteil mittlerweile zum Milliardär geworden. Im Jahr 2004 lag die Mitarbeiterzahl seines Unternehmens gerade einmal bei 18,heute ist es mit verschiedenen Tochtergesellschaften und der hauseigenen Wirecard Bank, die über eine deutsche Banklizenz sowie eine Lizenz von VISA und Mastercard verfügt und Kooperationsverträge mit anderen Kreditkarten- und Zahlungsanbietern wie American Express, Diners Club, Apple Pay oder China UnionPay hat, auf allen Kontinenten vertreten.

Besonders stolz ist man auf den gelungenen Einstieg auf dem gewaltigen Markt in China. Seit 2015 kooperiert Wirecard mit Alipay, dem Zahlungsanbieter der chinesischen Alibaba Group, um Reisenden aus dem Reich der Mitte deren hauptsächliche digitale Methode zur Zahlung von Waren und Dienstleistungen auch in Europa anbieten zu können.

Möglich war dieser Erfolg, weil die Oberbayern – zu deren Kunden in Deutschland heute unter anderem Aldi, WMF und Rossmann zählen – zwar nicht das Rad neu erfanden, aber doch Prozesse zu Ende dachten, die in einer sich immer mehr digitalisierenden Welt zwangsläufig an Bedeutung gewinnen.

Wenn ein Konzern eine Karte benötigt, um seine Kunden elektronisch zahlen zu lassen, kann Wirecard diese liefern. Wenn ein Käufer im Internet sichergehen will, bei Nichtlieferung der Ware wenigstens sein Geld wiederzusehen, kann er sich gegen eine kleine Gebühr versichern lassen. Und wenn chinesische Touristen am Frankfurter Flughafen noch ein kleines Souvenir erwerben und per Smartphone bezahlen wollen, kümmert sich Wirecard um die passende virtuelle Schnittstelle. Damit wickelte das Unternehmen im vergangenen Jahr ein Zahlungsvolumen von 91 Milliarden Euro ab – Tendenz steigend. Im August wurde der Börsenwert von Wirecard auf 21,3 Milliarden Euro taxiert.

Mit Superlativen zum BlueChip?

Fast hat es den Anschein, als wolle die in Kreuzlingen im Schweizer Kanton Thurgau ansässige weeNexx AG – ein neues Schwesterunternehmen der weeMarketplace AG – in die Fußstapfen von Wirecard treten. So zumindest klingt es in einem Advertorial (gekauften Werbetext) an, das von dem Unternehmen Anfang November auf den Seiten des Berliner „Tagesspiegels“ geschaltet wurde.

Leo Thomas Schrutt, sowohl Präsident des Verwaltungsrats der weeNexx AG als auch der Swiss Fintec Invest AG, die als neues Zentrum der „wee“-Welt des Bad Tölzer Bonussystem-Erfinders Cengiz Ehliz gilt, wird in dem bezahlten Werbebeitrag mit den Worten zitiert: „Mit einem über Jahre gewachsenen Business-Fundament und unserer innovativen Strategie unterscheiden wir uns diametral im Markt. Unser realistisches Ziel ist es, das weltweit erste wirklich stabile Blockchain-basierte Bezahlsystem mit eigener Verrechnungseinheit für den täglichen Gebrauch zu schaffen, zu etablieren und damit die Bezahlprozesse in der Welt nachhaltig zu verändern."

Man wolle, so heißt es in dem Text, „unter dem Dach der Schweizer Swiss Fintec Invest AG jetzt die bisher erzielten Erfolge mit den immensen Möglichkeiten der Blockchain-Technologie“ verknüpfen. Das „weltweit einzigartige“ Bonussystem „wee“ soll auf der Basis des Portals Portal wee.com und dem lokalen Einzelhandel nicht weniger als „zum globalen BlueChip“ weiterentwickelt werden, denn schließlich habe man„bereits heuterichtungsweisende Benchmarks gesetzt“. Dies gelte insbesondere „für das Public Listing (…) an der Pariser Börse Euronext im Jahre 2017“. Der aktuelle Börsenwert der Swiss Fintec Invest AG liege bei 280 Millionen Schweizer Franken (SFR).

Zauberwort Blockchain

Über die Kooperation mit einer nicht näher benannten „namhaften Bank“ sichere sich die weeMarketplace AG zudem „weitergehende Assets beim Marktfortschritt“. Hierzu heißt es in dem Advertorial weiter: „Diese Partnerschaft wird den Zugriff und die Nutzung einer E-Money-Lizenz für die europäische Expansion beinhalten.“ Laut Verwaltungsratschef Schrutt soll diese Lizenz das Unternehmen in die Lage versetzen, „im idealen Zusammenspiel alle Kooperationsmöglichkeiten mit der Bank perfekt nutzen zu können“.

Und weiter: „Mit den Erfolgen bei der Belebung des wee-Marktplatzes, hier unterstreiche ich zudem die erfolgreichen Fortschritte beim weltweit ersten offenen Arena-Bezahlsystem in unserer eigenen weeArena[Spielstätte des Eishockey-Zweitligisten EC Bad Tölz, auch „Tölzer Löwen genannt, für die Ehliz sich 2017 auf drei Jahre die Namensrechte gesichert hat; Anm. d. Verf.] sowie der Nutzung einer E-Money-Lizenz und der geplanten Verschmelzung von ‚wee‘ mit Blockchain-Technologie, steht der erfolgreichen Umsetzung unserer Unternehmensstrategie jetzt nichts mehr im Wege.“

Wandel einer Tennis-AG

Aufmerksame Leser der HESSEN DEPESCHE sind mit dem „wee“-Komplex von Cengiz Ehliz, Gründer der weeCONOMY AG, die einst den Kern des ganzen Modells bildete, sowie Michael Scheibe, einst Chef der FlexCom International AG (unter FlexCom bzw. FlexKom firmierte das „wee“-Universum früher hauptsächlich) und dann Gründer der in Luxemburg ansässigen Firma COOINX S.A., bestens vertraut. Die weeNexx AG ist der neueste „Streich“ der beiden Finanz-Zampanos, mit dem das altbekannte Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel aus Unternehmensumbenennungen und -neugründungen munter fortgeführt wird (mehr dazu unter: https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/michael-scheibe,-wee-und-cooinx-zieht-sich-cengiz-ehliz-aus-dem-namen-weeconomy-zurück.html.

Der frühere Ehliz-Vertraute und heutige Kritiker des Deutsch-Türken aus Bad Tölz, Rudolf Engelsberger, deutete im Gespräch mit HESSEN DEPESCHE sogar an, dass der Ankauf von „leeren“ Unternehmenshüllen und deren Belebung mit neuem Inhalt zur Strategie der „wee“-Macher gehört (siehe: https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/die-akte-„wee“-jetzt-spricht-ex-ceo-und-cengiz-ehliz-kritiker-rudolf-engelsberger-teil-1.html). Der frühere Chef der weeCONOMY Group AG sieht die Gefahr, dass bei solchen Aktionen „auch massiv Vermögenswerte und auch Rechte verschoben“ würden.

Auch die weeNexx AG ist so eine reanimierte Hülle. 1977 als Tennis-Center-Egnach AG im Städtchen Egnach (Kanton Thurgau) mit einem Eigenkapital von 50.000 SFR gegründet, diente das Unternehmen ursprünglich dem Freizeitsport. Im Februar 2011 firmierte die Gesellschaft um und hieß fortan CORAFIN AG mit neuem Sitz in Stans (Kanton Nidwalden). Sechs Jahre später, im Mai 2017, wurde das Unternehmen unter dem Namen weeLICENCES AG in die „wee“-Gruppe eingemeindet, doch schon im November desselben Jahres erfolgte die Umbenennung in weeLicences AG (klein geschrieben) und der Wechsel des Firmensitzes nach Kreuzlingen. Erst im seit Juni 2018 firmiert das einstige Tennis-Unternehmen als weeNexx AG und befasst sich nun mit der „Erbringung von Infrastrukturdienstleistungen für Kryptowährungen und Blockchain-Anwendungen“. Dem Management gehört laut der Wirtschaftsauskunftei „Moneyhouse“ neben Leo Thomas Schrutt Daniel Lindner an.

Undurchsichtiges ICO

Um Investorengelder einzuwerben, will die weeNexx AG ein ICO für eine eigene Kryptowährung starten. Als eine Art „Premium-Partner“ fungiert bei diesem Vorhaben die Luxemburger COOINX S.A. von Michael Scheibe, die sich für 10 Millionen Euro sogenannte „Gutscheine“ bei der weeNexx AG gekauft haben soll, um das ICO über eigene Vertriebskanäle zu verkaufen. Rückgrat dieses ICOs ist offenbar das von Cengiz Ehliz unter der Marke „wee“ schon seit einigen Jahren betriebene Cashback-System.

In einem Flyer von COOINX heißt es dazu: „Die operative Grundlage für den anstehenden Quantensprung zum globalen BlueChip bildet die Infrastruktur, die wir mit unserem Cashback-System wee in den vergangenen Jahren nachhaltig gelegt haben. wee als weltweit einzigartiges Bonusprogramm vernetzt die globale Welt des Onlineshoppings – mit mehr als 1.300 namhaften Onlineshops im Portal wee.com – mit dem lokalen Einzelhandel. Beim E-Commerce erzielte Rabatte können vom Konsumenten nur beim nächsten Einkauf im Einzelhandel verrechnet werden, womit wir diesen mit zusätzlichen Umsätzen befeuern. Alternativ lassen sich die gesammelten wee – 1:1 umgerechnet in die jeweilige Landeswährung – auf das private Girokonto des Verbrauchers transferieren. Für 2018/19 geplante 500.000 Konsumenten, 30.000 konventionelle Einzelhändler und 1.300 Betreiber von namhaften Onlineshops – etablierte Nutzer unserer wee Infrastruktur, potenzielle Nutzer unserer eigenen, Blockchain-basierten neuen wee Kryptowährung. Und tagtäglich werden es mehr.“

Das klingt natürlich alles sehr gut, aber bisher gibt es, worauf Kritiker hinweisen, keinen Beleg dafür, dass das „wee“-System tatsächlich so gut funktioniert, wie es immer dargestellt wird. Insofern bedeutet das ICO für interessierte Anleger natürlich ein erhebliches Risiko, das bis zum Totalverlust gehen kann. Schaut man sich die deutschen, in München ansässigen Unternehmen an, die mit dem Komplex „wee“ in Verbindung stehen, ist zumindest Vorsicht angesagt.

Kein Global Player

Als wichtigstes dieser Unternehmen kann wohl die weeBusiness GmbH gelten, zumal dort Cengiz Ehliz alle Fäden in der Hand hat. Das Unternehmen firmierte einst unter dem Namen FlexKom Europe GmbH, später als FlexCom Europe GmbH und hatte seinen Sitz in Holzgerlingen. Ab 2012 führte Asker Sakinmaz dort die Geschäfte, 2013 wurde der Firmensitz nach München verlegt, im Mai 2014 wurde Davut Türkoglu zum verantwortlichen Geschäftsführer bestellt. Dieser schied aber bereits im November 2014 wieder aus, und Cengiz Ehliz übernahm das Ruder.

Im März 2015 wurde Peter Grünewald zum Geschäftsführer bestellt, doch dieser schied, wie auch Ehliz, schon im Oktober 2015 wieder als Geschäftsführer aus, und Ewald Schmutz übernahm die Unternehmensverantwortung. Doch auch dessen Zeit sollte nicht lange währen, denn im August 2016 wurde Dr. Judith Behr als Geschäftsführerin bestellt. Nur wenige Monate später, im September 2016, folgte die Umbenennung in weeBusiness GmbH. Dort hat seit Oktober 2018 wieder Cengiz Ehliz als allein verantwortlicher Geschäftsführer den Hut auf.

Von einem Unternehmen, das auch nur annähernd an einen Branchenprimus wie Wirecard herankäme, kann aber nicht die Rede sein. Laut Jahresabschluss 2016 verfügt die weeBusiness GmbH auf der Passivseite gerade einmal über 344.110,46 Euro an Eigenkapital (2015 waren es 105.908,86 Euro). Als Verbindlichkeiten sind 2.240.984,55 Euro angegeben (2015: 1.871.689,83). Insgesamt beträgt die Bilanzsumme der Passiva 2.734.295,01 Euro (2015: 2.227.298,69 Euro).

Dem steht als Bilanzsumme auf der Aktivseite genau der gleiche Betrag gegenüber, also 2.734.295,01 (2015: 2.227.298,69 Euro). An Umlaufvermögen sind 2.668.767,01 Euro angegeben (2015: 2.175.736,69), davon 2.165.528,35 Euro an Forderungen und sonstigenVermögensgegenständen (2015: 2.059.526,93) sowie 503.238,66 Euro an Kassenbestand, Bundesbankguthaben, Guthaben bei Kreditinstituten und Schecks (2015: 116.209,76 Euro).

Gerichtsprozess in Kreuzlingen

Nach diesen Zahlen kam also 2016 im Vergleich zu 2015 durchaus etwas rein – nur spielt man natürlich in einer ganz anderen Liga als Wirecard. Und das dürfte bei der weeNexx AG nicht anders sein. Ob das „wee“-Bonussystem ausreicht, um das angepeilte ICO zu unterfüttern, ist zumindest fragwürdig. Da die Informationspolitik von Cengiz Ehliz gerade in dieser Hinsicht mehr als dürftig ist, muss man an anderer Stelle schauen, wie es um das Geschäftsgebaren des Sponsors der „Tölzer Löwen“ bestellt ist. Eine ganz eigene Meinung davon hat zum Beispiel sein früherer Partner Rudolf Engelsberger, den Ehliz am Montag, den 3. Dezember, in Kreuzlingen vor Gericht wiedersehen wird.

Bei dem Prozess geht es zwar „nur“ um die Frage, ob bei der Trennung der beiden früheren Hauptprotagonisten der weeCONOMY AG alles rechtens zugegangen ist, aber natürlich lassen sich dadurch auch Rückschlüsse auf die allgemeine Geschäftspolitik von Ehliz ziehen. Natürlich bleibt HESSEN DEPESCHE auch hier am Ball und wird nach der Verhandlung in Kreuzlingen exklusiv über die neuesten Entwicklungen berichten.

Letzte Änderung am Montag, 03 Dezember 2018 04:13
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